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Organisation Todt

Michaela Eichwald

Auf der Zugfahrt von Karlsruhe wäre ich zunächst wegen Trostlosigkeit fast erstickt. Vor mir eine (wahrscheinlich) diplomierte Hebamme, die Word-Dokumente verfaßte, die anfingen mit "vielen Dank für Ihr Interesse an o. g. Veranstaltung." Wenn man selbst seit vielen Jahren Word verwendet, - also ich konnte mich wundern, wie anders als von mir Word noch verwendet werden kann; ich konnte nicht aufhören der Frau über ihre Schulter hinweg auf ihren Bildschirm zu starren. Die schien für alles sich sogenannte Makros gemacht zu haben. Vorformulierte Textquader, Floskel, Excel. Zertifikatskurs, Qualitätssicherung, Rückmeldung, DozentInnenkonferenz, Bergisch-Gladbach. Protokoll des Gesprächs mit Frau Münch. Protokoll des Gespräches mit Herrn Hall. Rückmeldung von Frau Jurt. Rechteckige kleine Brille steht keinem, ich hab jedenfalls noch nie eine/n gesehen. In rot schon gar nicht. Einwand von Frau Jurt. Weißer Nebel aufsteigend aus den Tälern des Siegkreises sieht aber gut aus. Die sauberen, näselnden heteroaffektierten Bundeswehrangehörigen sprachen untereinander so einen Käu und ließen sich so pißnelkenhaft billig über ihre Kollegen aus, um sich darüber ihrer Freundschaft um so mehr auf das Platteste versichern zu können, - das würd´ ich doch nie tun, ohne zu fragen an dein Spind gehen. Das fand ich auch abartig vom Lars. Ich dachte, das halt ich auf keinen Fall aus. Dann kam die Schaffnerin und lenkte ab, da sehr ungewöhnlich, sehr speziell, um die 50, sie sah so klug aus wie ich noch keine Schaffnerin sah, auch mit einer schönen Stimme versehen, und als sie sich umdrehte und weiter ging erkannte ich schwer in Gedanken was diese Frau eigentlich war, den Abdruck eines Rautenmusters auf ihrer Jacke, großflächig, schimmernd, der der Abdruck eines standardmäßigen Bügelbretts, glaube ich, war, und ich fragte mich, ob das sein kann und weiter ob die denn wohl ihre Jacken selber zu Hause zu bügeln hätten? Der Schonbezug abgenutzt, der Schaumstoff dünn geworden und vielerorts bereits in Auflösung begriffen. So war das wahrscheinlich passiert, daß bis aufs Metall, bis auf die Knochen des Bügelbretts durchgebügelt worden war und sich das Muster abbilden konnte und als der Gedanke abklang, klang wieder das Gespräch der Wehrdienstleistenden auf, das auf einmal eine ganz neue Qualität gewonnen hatte, da sich ein heller, vollkommen undurchsichtiger, jüngerer Mann mit Hut und langem Vollbart ohne Schnäuzer vom Vierertisch auf der anderen Seite her eingemischt hatte und den beiden Arschlöchern höchst dezidierte Fragen stellte. Es stellte sich heraus daß sie Wehrpflichtige, nicht Zeitsoldaten waren und daß sie die hochinteressante Aufgabe erfüllten, verletzte Zivilisten in Kriegsgebieten zu spielen. Der Bärtige fragte nach der Arbeit der Maskenbildnerei etwa. Sie erzählten bereitwillig von abgehackten Gliedmaßen, offenen Wunden, psychologischer Kriegsführung, bzw. natürlich Friedensführung, allgemein, wie man in Krisensituationen beruhigt und führt. Der Mann mit Bart stellte dann Behauptungen auf, wo ich dachte: ui! Was werden sie jetzt sagen? Daß z.B. 5.000 oder 10.000 tote Taiwanesen doch keinen juckten, oder doch? Wenn China sich bald Taiwan holt, womit doch wohl stark zu rechnen sei, und zwar militärisch. Meinten die Bundeswehrangehörigen zögernd: ja, aber Taiwan wär' ja westlich eingestellt und die NATO, also sie würden denken… sie würden 10.000 tote Taiwanesen auch nicht groß jucken, da habe er allerdings Recht, nein, Quatsch, - was? Crisis, weil man nichts Hehres will, weil das albern ist, "die Kunst" ist albern, und das Alberne, wie blöd können wir Blödis uns runterschrauben, eigentlich, ist auch albern und jetzt ist es meinerseits reduziert, Platz verschenkt und - gesetzt auf die Sachen selbst, bzw. nicht gerade gesetzt aber so sieht´s jetzt vermutlich aus, wie ich schon sagte, und man weiß gar nichts, das sagte ich auch.

Ich lag auf der trockenen Wiese vor dem ZKM, weinte etwas und las immer wieder die Fahnen, die Sammlernamen, und wußte einmal mehr wieder gar nicht, was das ALLES ALLES soll (ich weiß es schon, aber ich weiß es nicht im Zusammenhang mit mir).
Aber das ist nicht die Frage. Bzw. das ist schon die Frage, aber so kann man sie natürlich nicht beantworten.

Die grundsätzliche Frage nach der Richtigkeit des Tuns in jedem Feld läßt sich leider nicht grundsätzlich beantworten, die stellt sich immer wieder neu, man muß sie immer wieder neu situationsangemessen beantworten. Darüber wird man alt und schwach und immer trauriger. Es gibt wohl keine große gute Lösung, vielleicht gibt es nichtmal eine kleine Lösung. Manchmal fühlt es sich aber danach an. Alleine Irren schrieb, sie wäre letztens so weit gewesen zu sagen: Die Literatur ist es auch nicht.

Das empfand ich fast wieder als Erleichterung. Die Literatur ist es auch nicht. Die bildende Kunst ist es auch nicht. Die Philosophie ist es auch nicht, die Welt ist es auch nicht, ich bin es auch nicht! bzw. ich bin es schon.

Wenn man aber was reißen wollte, müßte man sich auffälliger machen. Klar.

Das ist ein Grund, warum ich keine oder wenig Namen nenne: ich will gar keine Reaktion. Keinen Journalismus, keine Debatte, da reingezogen zu werden und unterzugehen, denn leider bin ich nicht der Asi, der ich sein will, ich bin zu dumm und zu brav und würde antworten, wahr-scheinlich auch noch auf Hochdeutsch, Horror, und dann wäre alles vorbei, dann könnte ich nichts mehr sehen.
Starship Nummer 11, Seiten 46ff


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