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Menschen in Museen

Danila Mayer

- Das Museum für Völkerkunde Wien, im Corps de Logis der Hofburg am Heldenplatz, hat vorigen Mai, am 8., wieder eröffnet, nach langer Schließzeit wegen Umbaus seit März 04. Benin - Könige und Rituale. Höfische Kunst aus Nigeria, eine große Ausstellung mit Symposium. Die Schau war protzig, die Räume luftlos, Fenster verbaut, dunkel, intransparent, schlechte time-line. Die Eröffnungsreden waren enthusiastisch, auch das Benin Königshaus war vertreten. Die nunmehrigen Exponate sind damals von den Briten gestohlen worden, und der jetzige Prinz will einiges zurück. Die daraus folgenden Diskussionen wurden kontroversiell geführt (zb Kurier vom 9.5.07: 'Mit Raubkunst in die neue Ära'; Falter-Interview mit Direktor C. Feest, Völkerkundemuseum; und Kommentare im Falter dazu 'Kunstraub verjährt nicht' von Wolfgang Zinggl, Kultursprecher der Grünen, und 'Wem gehört was?' von Eva Blimlinger, Rückgabebeirat des Bundes, Wissens- und Projektmanagement Universität für Angewandte Kunst). Auch die Veröffentlichungen und Interventionen von schnitt.punkt befassen sich mit diesen, und vielen anderen Themen rund um Museen (zb Pole Position 05, Podiumsdiskussion im Völkerkundemuseum am 19.2.08). Jedenfalls wurde die Benin-Ausstellung im September 07 wieder geschlossen, und damit das ganze Museum weiter dem anscheinend chronisch unterfinanzierten Umbau überlassen - unter www.ethno-museum.ac.at das Pressegespräch vom 26.5. d. J. Die Museumsleute (Direktorium, Kuratoren und Kuratorinnen) sind schon seit einiger Zeit im ausgebauten Dachgeschoß eingezogen, fertiggestellt ist auch die extensive Alarmanlage-cum-Arbeitszeiterfassung. Alles funktioniert mit Codes und Karten. Der Shop ist gleich im Eingangsbereich. Seit 9. März 2008 kann man Tutanchamun sehen (die Schau ist mit der National Geographic Society gemeinsam realisiert worden), die ägyptischen Pyramiden sind schon vor dem Eingangsbereich postiert, um die anvisierten Visitor-Schlangen vor Regen und Hitze zu schützen, und zum allgemeinen Aufputz.

Konzepte für die permanenten Schausammlungen sowie für einige Sonderausstellungen liegen vor, und das Museum soll "Mitte 08" endgültig aufgesperrt werden; dem Umstand der Verzögerung wurde auch mit einer Diskussion am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie Wien nachgegangen (11.4.08. Die illustre Runde: G. Matt Kunsthalle, Dieter Bogner Moderator Zukunftsdiskussion Bundesmuseen, W. Zinggl Kultursprecher Grüne, A. Gingrich Professor, C. Schicklgruber stv. Dir. Museum für Völkerkunde, P. Frey kfm. Geschäftsführer khm-Gruppe). Aus dem Flugblatt: "Im Rahmen einer globalen Kultur stellen sich für das Museum für Völkerkunde vor allem Fragen nach seiner lokalen kulturellen Positionierung, seiner spezifischen Zielsetzung sowie nach seiner zukünftigen soziokulturellen Bedeutung: Soll es Aufgaben eines "Hauses der Kulturen" wie in Berlin erfüllen? Soll es, ähnlich dem "Musée du Quai Branly" in Paris, zu einem Wiener Museum außereuropäischer Kunst werden? Oder soll es ein Zentrum sozial- und kulturanthropologischer Forschung sein?" Das Flugblatt zur Podiumsdiskussion endet feurig: '"Ungeliebt, verkannt, vergessen" - Wann wird dieses Juwel eines global-kulturhistorischen Kulturerbes endlich aus dem Dornröschenschlaf wachgeküsst?'

- Über eine Massenaussendung der US-amerikanischen Mailing-List Urbananth-L wurde ein Aufruf zur Conference Participation in Berlin namens Migration in Museums: Narratives of Diversity in Europe verschickt, der sich an folgende Personen und -gruppen richtet: museum professionals, exhibition curators, researchers from the humanities and social sciences, representatives from immigrant communities, and artists, organisiert vom Network Migration in Europe e.V. und dem ICOM (International Council of Museums) sowie dem Centre de Documentation sur les Migrations Humaines, Dudelange (Luxemburg). Kooperiert wird mit den folgenden Berliner Museen: Deutsche Kinemathek - Museum für Film und Fernsehen, Jüdisches Museum Berlin, Jugendmuseum Schöneberg, Kreuzberg Museum, Museum Neukölln, Stiftung Stadtmuseum Berlin - Märkisches Museum. Für Migration in Museums sind übrigens schon jede Menge filmmakers (aus 12 Ländern!) unterwegs, deren Ergebnisse (Interviews) dann bei der Konferenz präsentiert werden sollen, näheres auf der website www.network-migration.org.
Ein Anlass, sich der Ausstellung Gastarbajteri - 40 Jahre Arbeitsmigration (in Österreich), Jänner bis April 2004 im Wien Museum Karlsplatz, zu erinnern. Aus dem Folder: "Mittlerweile hat diese Migration drei Generationen von Menschen geprägt. Es ist daher an der Zeit, die "gastarbajteri", wie sie im ehemaligen Jugoslawien genannt werden, in das kulturelle Gedächtnis der Stadt und des Landes hineinzureklamieren." Die Begleitpublikation ist umfangreich: jede Menge Material aus Privatarchiven und Fotoalben; 'Anleitung zur Selbstermächtigung' gibt es auch.

- Punk in London, New York und Berlin hat es in die Wiener Kunsthalle geschafft (No One Is Innocent, Kunst - Stil - Revolte, Kurator: Thomas Mießgang). Man zeigt u.v.a. Derek Jarman's Film Jubilee aus 1977. Aus dem Folder: "Aus der Distanz von dreißig Jahren belegt die Ausstellung (...) wie unterschiedlich und doch konsistent Punk als Metapher der Revolte (...) wirkte. Während er in England vor allem ein Stil- und Modephänomen war, gab es in den USA und in Deutschland von Beginn an eine enge Beziehung zwischen Künstlern und Punk-Musikern."

- Eine per mail eingegangene Info-plus-Werbung: Unter www.uni-ak.ac.at/ecm/ mit direktem Link zum Kunsthistorischen Museumskonzern khm (ecm bedeutet hingegen educating curating managing) können wir uns einen Masterlehrgang an der Universität für Angewandte Kunst in Wien ansehen - die Veranstalterinnen sind wiederum von schnittpunkt - der für 11.600 Euro in 560 Lehreinheiten jede Menge Inhalte vermittelt für die Anwendung zwischen 'Themenpark und Offspace, vom Nationalmuseum zur Gegenöffentlichkeit, vom Plenum bis zur Podiumsdiskussion'. "Ziel des berufsbegleitenden Studiums ist die wissenschaftliche Fundierung und Professionalisierung in der Kunst- und Kulturarbeit ... in Institutionen und in der freien Szene". Die Statements von einigen AbsolventInnen sprechen von großem Selbstbewußtseinszuwachs und jedenfalls von 'Angekommen-Sein' und Karrieren. Derzeit startet der vierte Durchgang.

Wer sind die Menschen in Museen? Wer wird abgebildet? Wer repräsentiert?

"I have framed the issue in terms of articulation rather than representation ... representation depends on possession of a passive ressource, namely, the silent object, the stripped actant," Haraway 1992.

Klarerweise sollten Völkerkunde-, Ethno- und ähnliche Museen in Häuser für nicht-industrielle Technologien der Menschheit, und damit zu Ressourcen für zukunftsweisende Entwicklungen, gewandelt werden.

Widerstandsbewegungen und Verteilungskämpfe weltweit - Migrationen und Punk, Teil davon - sind nicht als 'Geschichte' und 'Narrative' zu archivieren; Bestrebungen in diese Richtung dienen allerdings dazu, sie von den akuten Verläufen abzukoppeln, oder auch aus nationalen Geschichtsschreibungen heraus zu ätzen.

Immer gibt es, bevor etwas ins Museum kommt, auch einen anderen Prozess. Abschließend dazu Marina Grzinic: "The formation of the alternative or sub-cultural movement in Ljubljana reflects precisely this process at the beginning of the 1980s. This movement was shadowed by another 'new social movement', established by conservative nationalist populist demands. By the end of the 1980s, the scene of punks, Gramscian organic intellectuals and homosexual activists had been completely levelled by this nationalist 'new social movement'. The new rightwing populist social movement - which today proclaims itself solely responsible for Slovenian independence - came to power soon after the independence in 1991 and 'dissociated' itself from the alternative scene. Just as Britain excluded the black civil rights movement from the official history of emancipation and the struggle against capitalism, the Ljubljana subcultural movement was literally purged from the official history of Slovenia in the 1980s and subsequently harshly ghettoised." in Pavilion #12, 2008.

Lit.:
Gastarbajteri. 40 Jahre Arbeitsmigration. Hg. H.Gürses/C.Kogoj/S.Mattl, Mandelbaum Verlag Wien, 2004. Darin zb 'Anleitung zur Selbstermächtigung' von Nora Sternfeld und Renate Höllwart.
Grzinic, Marina, 'From Transitional Postsocialist Spaces to Neoliberal Global Capitalism' in Pavilion #12, Being Here. Mapping The Contemporary. Reader of Bucharest Biennale 3, www.pavilionmagazine.org, und 'Former Yugoslavia, Queer and Class Struggle', in New Feminism, Worlds of Feminism, Queer and Networking Conditions, Hg. Grzinic/Reitsamer, Löcker Verlag Wien, 2008
Haraway, Donna, 'The Promises of Monsters: A Regenerative Politics for Inappropriate/d Others', in Cultural Studies, ed. Grossberg/Nelson/Treichler, Routledge New York London, 1992
www.schnitt.org, Ausstellungstheorie und Praxis, bzw. "Wer spricht?" Autorität und Autorschaft in Ausstellungen Hg. von schnittpunkt - Beatrice Jaschke, Charlotte Martinz-Turek, Nora Sternfeld bei Turia+Kant, Wien, Sammelbände, ab 2005
Starship Nummer 11, Seiten 58ff


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