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Kinderkommunismus

Die Barrikade

Ariane Müller

Die Barrikade war in vielleicht drei Minuten errichtet und in vielleicht 15 Minuten wieder entfernt. Wir hätten sie gerne institutionalisiert, schon allein wegen der plötzlichen Ruhe auf der Torstraße. Es war jedenfalls die erste Barrikade, die ich gesehen habe, und ich staunte, wie schnell sie errichtet wurde.

Von Spezialisten wurde sie eher geschmäht. Wegen ihrer strategischen Unwirksamkeit sei sie höchstens das Zitat einer Barrikade. Man hätte die Möbel aus den Häusern schleppen müssen. Barrikaden bis ins dritte Stockwerk! Bilder vor die Barrikaden!! Aber es ist erfreulich, dass die Barrikade überhaupt zitiert wird. Dass sich in Berlin diese öffentlichen Zeichen noch so schnell herstellen, wie ja auch das Steinewerfen hier in einer Selbstverständlichkeit passiert und Anwohner Müll auf die Polizei kippen, trotz Neuer Mitte, sogar in Mitte. Deren Lebensader, die Chausseestrasse, die Silicon Alley der Neuen Ökonomie, lag derweil ausgestorben wie nach einem Giftgasangriff. Hier war niemand aus dem Haus gekommen, um die vorbeiflanierenden Neonazis bei ihrer Demonstration zu betrachten. Diese gingen in Blocks mit Transparenten voller Provenienznachweisen aus ihren Gurkengemeinden und Schildern, auf denen eine Art großäugiges Pfadfinderkind abgebildet war, dessen Comicgroßvater kein Verbrecher gewesen sein soll. Ist eine Demonstration, die niemand sieht, öffentlich? Jedenfalls gehörte ihr die Straße, wie mir ein Polizist erklärte, den ich bat, mich durch den Zug zu bringen, was mir vorher von einigen Blockwarts verwehrt wurde. Für die Nazis war der einzige Gegner weit und breit McDonalds in der Friedrichstraße. Sinnigerweise hatten sich auch die 8 Gegendemonstranten, die bis zur Faschodemo vorgestoßen waren, in dessen Eingang zurückgezogen.

Mitte hatte sich in drei Teile geteilt, mit dem dritten Teil rund um Kunstwerke, wo abseits von Wasserwerfern und Steinen (Oranienburger Straße) und unangestrengtem Müßiggang (Friedrich- und Chausseestraße), eine Art Passauer Strassenfest organisiert wurde. Fußgängerzone mit Künstlerperformances gegen Rechts, für die Gesicht zeigenden Berliner Politiker, die sich an diesem Tag die neuen Verbrechen der Wehrmacht anschauten.

Es ist also keineswegs alles entschieden und es gibt auch keine Resignation. Es wird zur Zeit alles nur sehr stark auseinandergehalten. Teilweise so weit, dass sich die Fronten nicht mal zu Gesicht bekommen. Aber die Selbstverständlichkeit, der ein wenig müßigen Barrikade war trotzdem ein Zeichen oder ein Hinweis auf die zwar möglicherweise lächerliche, aber eben notwendige Arbeit an einem Gegenbild. Das ist vielleicht alles in einer Viertelstunde wieder beiseite geräumt, aber es ist eben auch in drei Minuten aufgebaut. Wenn man mal weiß, wie es geht.
Starship Nummer 5, Seite 28


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