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Kristall

Christine Lemke

Ich kann mich erinnern, dass ich gestern gesehen worden bin. Mehrere Male mit mehreren Blicken.

Ich bin in der Innenstadt gesehen worden.

Einmal vor einem Schaufenster und ein anderes Mal in der Nähe eines Kaufhauses.

Die Blicke haben mich nicht gekannt. Sie waren erst ungerichtet und gingen dann weiter. Ich weiß nicht als was ich ihnen aufgetaucht bin.

Wahrscheinlich hatten sie mit falschen Einschätzungen zu tun oder bewegten sich in mir unbekannten Zusammenhängen.

Es ist schwierig wiedererkannt zu werden. Auch meine besten Freunde erkennen sich von Zeit zu Zeit nicht. An manchen Tagen ist es besonders schwer. Wir gehen dann aneinander vorbei oder halten uns für jemand anderen.

Das passiert in Umgebungen, Einkaufspassagen oder Geschäften, in denen wir noch nichts voneinander wissen, wo das Licht anders gesetzt ist - wo unsere Erscheinungen changieren.

Besonders an den Übergängen zu Umkleidekabinen. Wenn wir uns beim Anprobieren neuer Kleidungsstücke von einer sichtbaren Sphäre in eine andere begeben.

Die Kleidungstücke passen dann nicht zu uns - wir

fallen aus unseren vorgestellten Hintergründen. Un- sere Zusammenhänge wirken wie unbestimmt und wir werden offen für falsche Interpretationen. Meis- tens hat das mit uneindeutigen Kombinationen zu tun oder mit noch nicht angekommenen Geschmacksrichtungen.

Wir benötigen eine ungefähre Vorstellung von dem was kommen wird und wie es aussehen könnte. Normalerweise wissen wir, was zu uns passt - wie unsere Schuhe zu allem anderen passen und wie das ganze in Zusammenhang mit uns selbst zu einem Ensemble wird.

Aber wir wissen nie genau in welche sichtbaren Verhältnisse wir gerade eintreten.

Als was wir in ihnen aufscheinen, wissen wir auch nicht. Und wie die jeweils wechselnden Hintergründe vor denen wir erkennbar werden unseren Anblick vervielfältigen ist nicht abzusehen. Die Bezüge sind mehrfach und in sich verstrickt, besonders wenn es darum geht, eine erkennbare Figur zu werden. Und dabei helfen wir uns täglich mit den gegenseitigen Einreihungen in sichtbare Verhältnisse.

Verhältnisse wie reflektierende Zustände, in denen Blicke nicht durch uns hindurchgehen oder an uns hängen bleiben, sondern in denen wir zu unterscheiden sind.

Auch wie Verhältnisse, in die wir uns mit uns selbst begeben. Wie selbstähnliche Schnecken, die ihre Fühler einziehen. Das geht immer so weiter als lauter in sich spiegelnde Weichteile.

So kann es vorkommen, dass etwas geschieht von dem wir nicht genau wissen was es ist.

Ich habe schon versucht meinen Radius zu erweitern und darüber hinaus zu spielen.

Manchmal passiert es mir, dass ich Blicken folge. Ich tue dann so, als würde ich mich von ihnen mitnehmen lassen. Das bleibt in meinem Kopf und ist nicht außergewöhnlich. Es wird nur alles etwas langsamer. Es wird wie Unterwasser. Unsere Glieder bewegen sich ausgedehnt, ziehen an unsichtbaren Fäden. Unsere Entfernungen verschieben sich in ungewohnter Länge.

Ich habe gesehen wie jemand versucht hat, sich in dem kleinen Spiegel eines Sonnenbrillenständers zu reflektieren. Die Person tat so, als könne sie mich darin nicht sehen, um meinen Blick abzuwenden. Das war unangenehm, aber es dauerte nicht lange. Ich musste aufpassen, dass ich nicht länger in den Spiegel schaue. Es wäre sonst die Befürchtung in mir aufgetaucht, dass ich anfangen könnte, mich mit der Spiegelung der Person zu verwechseln. Trennungen sind wichtig, auch weil die Anderen in so vielfältigen Formen auftreten.

Verwirrend sind die Personen, die als Bilder in Erscheinung treten, die von den Wänden hängen oder als Figuren halogenbeleuchtet in den Fenstern stehen. Sie schauen auf die Straße und bergen Möglichkeiten.

Einige von ihnen könnten mir nützen...

Aber ihr Anblick ist besorgniserregend.

Er ist exzessiv und ohne Ende.

Er produziert Nervosität an eigenen Grenzen.

Und Angst vor Fehlkäufen.

Zum Höhepunkt kommt es in den Umkleidekabinen, wenn es darum geht sich für eine der Personen zu entscheiden.

Es ist mir schon gelungen gegen Ende eines Einkaufes

Teile eines überkommenen Ich abzublättern.

In meinen bunten Tüten habe ich alles bei mir. Neue Stoffe und Farben in mehreren neuen Schnitten für mich als Silhouette mich neu zu sehen. Wenn ich aus der Stadt nach Hause komme, kann ich nur noch Strahlen sehen. Sie kommen mir überall entgegen, auch hinter meinen Augen. Ich bin dann voll mit Halogen, Chrom, Glas und Spiegeln. Die Gegenstände in meiner Wohnung treten zurück in ihrer Mattigkeit. Meine Einkäufe, die Sachen und die Kleidungsstücke schimmern und warten.

Es wird erzählt wir könnten uns träumen. Alles sei für uns und wir wären in Allem.

Als sei die Innenstadt ein schöner Kristall. Es werden immer neue Arten erfunden, sich durch sie zu bewegen.

In ihren Reinzeichnungen falten sich gläserne Dächer zu weiträumigen Prismen - darin reihen sich Geschäfte wie Perlen. Sie können sich zu Mustern ordnen und sich ausbreiten zu einem ausufernden Ornament.

In Besitz einer schönen cosmopoliten Einsamkeit können wir durch sie wandern...Allein, zu zweit oder in Gruppen.

Unsere abgelegten Hüllen legen wir zu Mosaiken in die Passagen. So bleiben wir uns selbst und gleiche obwohl wir andere werden..

Als Andere stellen wir uns mit schönen Gesten in die Schaufenster. Wir werden umspielt werden vom weichen Licht der Auslagen, der Displays und dem Cellophan der Verpackungen.

Der Glanz färbt einen schimmernden Schleier auf unsere Haut, auf meine Kleider in deine bunten Augen.

Unsere versilberten innerlichen Teile fallen wie Geldstücke aus uns heraus und rollen in die Straßen...
Starship Nummer 5, Seiten 42ff


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