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In der Sicherheitszone

Dorothee Klaus

Noriko begleitete mich an die Hauptstrasse. Noriko lebte schon seit über zwei Jahren an diesem Ort, zwanzig Kilometer hinter der Front, die seit einiger Zeit still war. In alten Reiseführern, denn neue wurden für diese Gegend nicht mehr aufgelegt, war zu lesen, dass sich hier die Wiege der Zivilisation befand, mit den ältesten Funden sesshafter Bevölkerungen. Ich hatte noch nichts davon gesehen, von den Uberresten. Die Furcht, welche von der nahen Frontlinie insgeheim ausging, verstörte den Schlaf und der kleine Rucksack war immer gepackt.

Noriko kam aus Tokyo. Ich fragte, ob ihre Familie sehr konservativ japanisch sei, weniger weil ich wusste was das bedeutete, als weil ich wissen wollte, was damit gemeint sein könnte. Sie sagte, dass sie manchmal nachhause fuhr, um ihren Nichten von einer anderen Welt zu erzählen als der japanischen, die jene vollkommen umgab. Aber es lauerten dort zugleich an die fünfzehn Onkels und Tanten, die erbittert auf ihre hinfällige Heirat drängten. Da schien es angenehmer, sich in einem Arbeitslager der Vereinten Nationen aufzuhalten.

Es war nach Einbruch der Dunkelheit und deshalb ganz und gar verboten ein Taxi zu nehmen, noch verbotener als es das tagsüber für uns sowieso schon war. Um nicht in völliger Isolation als Gefangene zu leben - sogar unsere Bürogebäude waren vergittert und militärisch abgeschirmt - umgingen wir die Sicherheitskontrollen wo möglich. Ich wollte ins Hotel der Stadt, um dort zu essen und zu trinken.

Die Taxen fuhren an uns vorüber, alles japanische Autos, importiert aus Deutschland. Ein weißer Mercedes verlangsamte seine Fahrt. Wir traten angewidert zurück. Meine Fäuste hatten sich bereits in den Taschen geballt, ich peilte die passende wütende Stimmlage an, als ich doch eine ältere Frau neben dem Fahrer erkannte, statt einen verzerrten Haufen ausgewachsener, aber unverheirateter Männer, die sich auf den Vorder- und Rücksitzen drängten. Der Fahrer kurbelte das Fenster selbst herunter, es war ein älteres Automodell, während die Frau nur ihre Augen auf uns richtete, ohne den Kopf zu wenden. Sie sass groß und mächtig in der Dunkelheit, und trug ein Kopftuch und ein langes glänzendes Kleid, dazu ein Tuch um die Schultern.

Where you go? - Der Fahrer brüllte mich an. To hotel in town! Brüllte ich zurück. Manchmal sprach ich so ein amputiertes Englisch gerne. Es unterschied sich angenehm vom offiziellen Englisch, mit dem wir uns täglich verständigen mussten. Unser Hochleistungsdruck bei der Arbeit führte große Neigungen zur Regression mit sich, es überraschte mich manchmal. Get in! I drive you! - How you drive me? You are not taxi! - Don't be stupid! This is my mother! What do you think??

Natürlich war es uns allerstrengstens untersagt, in Privatautos Unbekannter zu steigen. Ich hatte keine Bedenken. Come on, get in! Wie sonst sollte ich mich jemals orientieren können an diesem Ort? Ob ich wohl überwachten Hausarrest bekäme, wenn mich einer der Sicherheitsleute jetzt sähe? Und das war das wilde Kurdistan meiner Kindheit. Vielleicht mehr denn je. Ich verabschiedete mich von Noriko.

Wir unterhielten uns mit Blickkontakt über den Rückspiegel. Die Mutter saß, ohne sich ein einziges Mal zu bewegen, in ihrem Sitz und schien immer geradeaus zu sehen. Aber sie beobachtete alles, mit jeder Faser ihrer Haut beobachtete sie die Regungen des Sohnes neben ihr. Er war völlig außer sich, er schrie, statt zu sprechen, und er warf sich dabei mit hektischen Bewegungen hinter dem Steuer hin und her. Er war in einem entsetzlichen, fieberhaften Zustand. Ich glaubte, ihn für unzurechenbar halten zu müssen und war froh, dass diese Frau neben ihm saß, sonst hätte ich mich wohl gefürchtet. Das Auto fuhr ruhig und gleichmäßig durch die Stadt, als sei es von ihr gelenkt. Die Stadt war hässlich und viele Gebäude waren seit dem letzten Krieg noch immer ausgehöhlt. Soldaten wohnten darin, man sah die Feuer flackern und die Wäscheleinen mit den Kleiderfetzen auf Balkonen und in den Fensterlöchern.

Er fragte, weshalb ich um diese Zeit ein Taxi nähme. Nicht alle Leute hier wären vertrauenswürdig, die Gegend sei gefährlich. Ich sagte, dass er wahrscheinlich recht habe und schwieg. Selbstverständlich wollte er wissen woher ich kam. Ich sagte, aus Deutschland. Wie alle hatte er ein paar Verwandte dort und nannte die Namen der Städte, die er kannte. Dann sprachen wir über Daimler-Benz. Das einzige Auto, das wirklich zählte, war ein Mercedes. Er hatte den seinen aus Stockholm importiert und zählte die Länder auf, die er auf der Rückreise durchquert hatte.

Ich war schon in vierzehn Ländern! In vierzehn!

Sogar in der Schweiz und in Israel!

Was haben Sie denn in Israel gemacht?

Ich habe die Heiligen Stätten besucht!

Schauen Sie, hier!

Er krempelte sein Hemd auf, so dass ich die Tätowierung am Oberarm sah. Ein Kruzifix, den Text auf einem Spruchband, das darum herum flatterte, konnte ich nicht erkennen. Die Mutter schwieg und starrte, rückte jetzt nur ein wenig gegen ihr Fenster.

Sind sie Christin?

Ja, römisch-katholisch.

Wir sind Assyrer! Vor ein paar Tagen, das habe ich gehört, da hat man ein Bild von Bin Laden in unsere Kirche geklebt. Ich hab' es gehört, gesehen hab' ich es nicht!

Er gab Gas.

Spricht deine Mutter englisch?

Nein! Sie spricht ein wenig arabisch und ansonsten immer assyrisch, meine Mutter!

Er schlug ihr auf den Schenkel, es war laut. Aber sie bewegte sich nicht.

Sie soll in ein paar Wochen nach Stockholm gehen, zu meinem Vater. Der ist schon dort! Achttausend Dollar habe ich bezahlt, achttausend! Damit er dort reinkommt! Nicht auf direktem Weg natürlich, auf Umwegen! Aber inzwischen ist alles geregelt und er hat die Papiere. Sie will da nicht hingehen, sie spricht die Sprache nicht!

Das kann ich sehr gut verstehen.

Kann sie nicht hierbleiben?

Ja, sie will da nicht hin! Aber sie wird wohl gehen, mein Vater ist schließlich dort. Und dann wird es Winter, da ist es immerzu dunkel, wie traurig.

Ja! Wie traurig!

Er hielt an, kurbelte das Fenster wieder herunter, um eine Gruppe Männer zu fragen, wo das Hotel sei, in das ich wollte.

Wissen Sie denn nicht, wo das Hotel ist?

Es ist doch bekannt. Verlassen Sie ihren Vorort nie?

Ich war seit zehn Jahren nicht mehr hier!

Da hab' ich alles vergessen. Ich lebe inzwischen in Kanada! Ich arbeite dort, ich baue Häuser!

Ich fragte nicht nach, ob auf dem Bau oder als Ingenieur.

Jetzt bin ich hier, um mein Haus zu bauen.

Suchen Sie ein Haus? Wollen Sie ein Haus mieten?

Sie kehren wieder nach Kanada zurück?

Ja, natürlich, ich baue hier nur ein Haus, dann verreise ich wieder, in einem Monat bin ich weg!

Er sah mich im Spiegel an. Ich sah zurück. Er schwitzte wie wahnsinnig. Die Mutter bewegte sich nicht. Dass ihn das so mitnahm.

Sie sollen sich hier eine Braut aussuchen?

Ja! Ja! Und es ist unmöglich! Sie können sich das gar nicht vorstellen!

Weshalb denn, gibt es keine hübschen Mädchen?

Hübsch? Naja, vielleicht hübsch! Hübsch! Aber die haben doch keine Ahnung! Die wissen nichts!

Gar nichts! Die wissen doch nicht, wie es da draußen aussieht! Wie soll das denn gehen!

Sicherlich gibt es einige, die eine höhere Bildung haben?

Wir erreichten eine Strassenkreuzung. Ich erkannte die Gegend wieder und bat ihn, nach links abzubiegen. Er fuhr langsamer, er wollte nicht so schnell ankommen.

Es gibt eine, die studiert, Medizin. Aber die studiert noch ein Jahr.

Na, dann warten Sie eben ein Jahr, das ist doch nichts!

Naja, ich sollte jetzt jemand mitnehmen, da müsste ich sonst noch mal zurückkommen...

Wir fuhren am Hotel vor. Es war mit vielen Lampen erleuchtet, hinter dem Gebäude arbeitete ein großer Generator. Uber dem Portal lagen drei steinerne Löwen, darunter warteten livrierte Diener, einer saß an einem ausladenden Schuhputzkasten aus Messing, er freute sich, dass ich zurückkam und lächelte. Ich bedankte mich.

Und wenn Sie was brauchen, wenn Sie mein Haus wollen oder sonstwas, fragen Sie nach mir!

Ich bin der Kanadier, der mit dem weißen Mercedes! Mich kennen alle!

Er gab mir die Hand. Sie war ausgesprochen rauh und rissig. Ich stieg aus. Sah die Mutter durchs Fenster an und winkte. Sie schaute halb an mir vorbei und lächelte mit verkniffenem Gesicht, aber dann doch etwas schelmisch und auch verschämt. Ich wusste, dass sie nicht sehr alt war und ihr Gesicht glänzte. Ich rief, Auf Wiedersehen! Sie rührte sich nicht weiter und ich ging ins Hotel, um meinen Schlüssel in Empfang zu nehmen.
Starship Nummer 5, Seiten 51ff


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