Blog   News   Magazin   Kontakt

zurück


Die Nomaden des Kapitals

Sebastian Lütgert

Einführung in den Abschied von den Umherschweifenden Produzenten<1>

Der »Umherschweifende Produzent«<2> ist in den 90er Jahren zu einer der populärsten linken Heldengestalten geworden und gilt noch heute als ein brauchbares Modell für die Subversion »beschleunigten« Lebens und »immaterialisierter« Arbeit im »globalisierten« Kapitalismus. Was dieser Figur ihren vermeintlichen Glamour verleiht, ist neben ihrem Bekenntnis, noch heute Kommunist zu sein, vor allem die diffuse Aura ihres Bewegungsbegriffs, demzufolge es sich beim Umherschweifen um ein selbstbestimmt-nichtlineares Gleiten durch die Strata des sozialen Raums handelt. Diese Bewegung beruft sich weniger auf Debords

Theorie des »dérive«<3>, die ein Driften im Urbanen beschreibt, das gerade die Zurückweisung jeder

Arbeit zum Ausgangspunkt hat, als vielmehr auf Deleuze/Guattaris Konzept der »déterritorialisation«<4>, das sich eher gegen die Gravitationskraft geschlossener Räume wendet als gegen das Prinzip der Produktivität. Ganz im Gegenteil: dieses Umherschweifen »funktioniert«, stellt ständig neue Netze von Zusammenhängen her und arbeitet dabei mit Verknüpfungsoperationen, die sich von der territorialen Logik (von der die situationistische Psychogeographie sich noch explizit treiben liess) weitgehend verabschiedet haben. Und so besteht die begriffliche Praxis des Umherschweifenden Produzenten vor allem in der bei jeder Gelegenheit so oder ähnlich wiederholten Behauptung, er gleite auf nomadische Weise auf den Plateaus und Fluchtlinien eines rhizomatischen Kapitalismus entlang - und das ist nicht nur dumm, sondern auch gefährlich.

Nun geht es weder darum, eine Theoriepolizei zu installieren, die die korrekte Verwendung von Begriffen kontrolliert, noch darum, die Konzeption von Büchern als Wergzeugkästen zu diskretidieren; eher ginge es um die Kritik jenes linken Mythos, der besagt, Werkzeuge müssten partout gegen die Gebrauchsanweisung benutzt werden. In bestimmten Zusammenhängen können bestimmte Begriffe sich als unbrauchbar oder sogar kontraproduktiv erweisen, und um das zu verhindern, lohnt es sich oft, die sie umgebenden Texte zumindest kurz zu überfliegen, könnten diese doch wichtige Hinweise zur jeweiligen Verwendung enthalten. »Jedes Werkzeug ist eine Waffe«, heisst das halbgelesene Eingangszitat von Empire. Mag sein, dass ich flüchte, denn erst ganzgelesen wird daraus: »Jedes Werkzeug ist eine Waffe, wenn du es richtig hältst.«<5>

Zu den Gefahren der in den 90ern so beliebten deleuzianischen Heimwerkerei zählt aber nicht nur der »falsche« Einsatz der »richtigen« Tools, sondern auch das Phänomen der Materialermüdung. Tatsächlich hat ein Grossteil jener starren Strukturen, zu deren Demontage die in den 70ern von Deleuze/Guattari entworfenen Konzepte gedacht waren, mittlerweile unter dem Druck völlig entgegengesetzter Kräfte nachgegeben, zu deren ideologischen Vektoren (das Kapital kennt kein Vaterland, die Produktion keine Grenzen und der Markt seine Minderheiten) die längst zu Trampelpfaden breitgetretenen Fluchtlinien der Schizopolitik heute weitgehend parallel und richtungsgleich verlaufen. Insbesondere die digitale Revolution schafft mitunter sehr seltsame Bettgenossen.

Die folgende Typologie Umherschweifender Produzenten erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit. Es fehlt nicht nur der Schizophrene Student (das Grundstadium fast aller Neodeleuzianer), der Parasitäre Poptheoretiker (ein spezifisch deutsches Phänomen) und der Internationale Internetkünstler (der als Kategorie schon wieder im Verschwinden begriffen ist); es fehlt auch eine Antwort auf die Frage, ob es sich bei den Umherschweifenden Produzenten notwendigerweise und ausschliesslich um jene weissen, westlichen Männer handelt, auf die diese Typologie sich beschränkt. Dieser Umstand wird im Folgenden nicht mehr explizit benannt; und doch liegt, wer sich den Umherschweifenden Produzenten als jungen Mann mit Laptop vorstellt, sicher nicht ganz falsch.

I. Der Nomadische Netzwerker

Der Nomadische Netzwerker<6> wirft zwei fundamentale Probleme auf: eins ist der Nomade, eins ist das Netzwerk. Der Legende nach ist er eine Gestalt, die auf verschlungenen Pfaden durch die elektronischen Netze wandert, an deren Knotenpunkten ganz nach Belieben Verbindungen herstellt oder trennt und von jeder physischen Territorialiät befreit per Telefon, Kabel und Satellit von Kontinent zu Kontinent driftet. Als mythischer Held des Digitalen mag er eine entfernte Verwandtschaft mit der Figur des Data Dandy<7> aufweisen, doch während letzterer sich explizit auf Punk - also auf einen Materialismus - berief, hat der Nomadische Netzwerker seine Luftwurzeln in der Hippiebewegung. Was ihn durch die Gegend treibt, sind nicht die Dinge, sondern Fragen des Bewusstseins. Er sammelt keine Objekte, er errichtet keine Systeme, und er teilt auch nicht den Hang des Data Dandys zum Narzissmus, denn in seiner Welt gibt es keine Spiegel, sondern nur das endlose Gleiten entlang der nichtreflektierenden Oberflächen halbtransparenter Hardware und milchverglaster Sozialmilieus.

Das Lieblingsnetzwerk des Nomadischen Netzwerkers ist natürlich das Internet. Doch selbst wenn, laut Foucault, das gesamte vergangene Jahrhundert eines Tages deleuzianisch gewesen sein wird, bleibt das Internet so deleuzianisch wie ein Kropf. Schon im Goldenen Zeitalter der Netzkritik, jenem »Kurzen Sommer des Internet«<8>, als die entsprechenden buzzwords überreif von den Bäumen hingen, war die euphorische These von den graswurzelhaft-subversiven Mikropolitiken des World Wide Web bestenfalls aus der Luft gegriffen. Mittlerweile hat sich gezeigt, dass keine dieser Applikationen wirklich funktioniert: Auf die Deleuzianer des Digitalen, die bis früh in den Morgen verkehrtgeschlechtlich in den Chatrooms herumhingen, wartete weder das Frau-Werden noch das Ende ihrer vermeintlichen Körper; in den labyrinthischen Gärten der Hypertext-Archive wuchs kein neues Lesen, Schreiben oder Denken heran; und niemandem ist es gelungen, sich durch das Internet zu deterritorialisieren. Wir sind alle noch hier.

Das Netzwerk ist kein Rhizom, sondern viel eher, und zwar wörtlich, »Netzarbeit«: die neue Organisationsform der Produktion in den Kontrollgesellschaften. Das Internet ist heute auf dem besten Weg, sämtliche neuen Formen elektronischer Arbeit und Freizeit restlos miteinander zu verbinden und computerisierte Freude, Verschwendung, Knappheit, Sklaverei und Paranoia zu einem weltweiten 24stündigen Arbeitstag zusammenzusetzen: zu jenem digitalen Kontinuum, das vielen von uns bereits mehr oder weniger vertraut ist als die sich vollendende Einheit von Spass und Terror der Neuen Ökonomie. Jedes induviduelle Leben im Netz ist eine digitalisierte, kapitalistische Mini-Krise, ein Desaster, das deine IP-Nummer trägt. Oder, um Netscape Messenger zu zitieren: »Sie haben 247 neue Mails.«

Das zweite Problem ist der Nomade, also das romantische Konzept einer Bewegung ohne Richtung, ohne Ziel, ohne Grenze und ohne Widerstand. Denn entgegen der landläufigen Überzeugung handelt es sich bei den Nomaden gerade um jene Leute, die bis zuletzt versuchen werden, zu bleiben wo sie sind (und selbst in den Tausend Plateaus wird auf diesen Umstand mehrfach expizit hingewiesen<9>), die sich nur im äussersten Notfall von der Stelle bewegen, und denen angesichts der drohenden Segmentierungen ihres lokalen Territoriums jeder Gedanke an das Gleiten auf globalen Oberflächen fremd ist. Das nomadische Konzept des Raums ist das genaue Gegenteil dessen, was wir gemeinhin als »Mobilität« bezeichnen, und es ist schwer zu begreifen, wie man das eine mit dem anderen fortwährend verwechseln kann.

Im Falle des Nomadischen Netzwerkers ist die Lage allerdings noch ernster, beharrt er doch auch noch auf dem obszönen Irrglauben, ausgerechnet sein Hang zum Surfen auf den elektronischen Wellen der digitalen Netze qualifiziere ihn als Nomaden. Nichts liegt ihm ferner als die Idee, dass der Nomade gerade deshalb Wüsten und Steppen bewohnt, weil er dort, wenn überhaupt, am langsamsten vorankommt, und die Eigenheiten des Geländes ihn zudem davor bewahren, von den Protagonisten der neuen (vom späten Deleuze zurecht als genuin kontrollgesellschaftlich gedissten<10>) Sportarten - Springern, Gleitern und eben Surfern - heimgesucht zu werden.

Die Bewohner der Wüsten sind schlecht vorbereitet auf das Regime von roaming und production. Wer den Nomaden angreift, wird erleben, wie er sich bewegt, und wer den Nomaden in ein Flugzeug steckt, wird sogar erleben, wie er reist. Doch selbst dann noch wird der Nomade es ablehnen zu surfen, und wer ihn über dem Ozean abwirft, wird bloss mit ansehen können, wie er untergeht. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass der Nomade zwar immer wieder auf unvorhergesehene Weise von seinen zahlreichen Feinden in die Flucht geschlagen, nie zuvor jedoch so schlamlos durch die Gegend gezerrt wurde wie in den Deleuzianischen 90ern des Internet, deren Ende noch immer nicht in Sicht ist, so dass man den Nomaden auch weiterhin vor allem vor seinen Freunden in Schutz nehmen muss.

II. Der Rhizomatische Risikokapitalist

Die mentale Landkarte des Rhizomatischen Risikokapitalisten<11> ist bereits 1995 von Richard Barbrook und Andy Cameron in ihrem gleichermassen schönen wie grundsätzlichen Aufsatz »The Californian Ideology«<12> nachgezeichnet worden. Dort beschreiben sie nicht nur das bizarre theoretische Patchwork, auf dessen Grundlage diese Figur schon bald die diskursive Vorherrschaft im Internet übernehmen sollte, sondern verfolgen auch die kulturellen Herkunftslinien der neuen unternehmerischen Strategien und Tugenden zurück, die bis heute die Managementseminare beherrschen. Der Rhizomatische Risikokapitalist ist Slacker und Techno-Optimist zugleich: ein direkter Nachfahre der Hippies der amerikanischen Westküste, deren Vorstellung von Liberalismus sich seit den 60ern von der Utopie einer radikal befreiten Gesellschaft in die Feier eines radikal befreiten Marktes verwandelt hat und noch vor zwei Jahren nicht selten in der mittlerweile widerrufenen Prophezeihung gipfelte, beim Boom des Nasdaq handele es sich um die Vorstufe des Cyber-Kommunismus.

Was dem Rhizomatischen Risikokapitalisten an Deleuze so gut gefällt, ist neben der grob verkürzten These, die Funktion des Kapitals bestehe hauptsächlich darin, fortwährend Grenzen zu verschieben und niederzureissen, insbesondere der (bei Deleuze vor allem von Nietzsche her in den Text strömende) Vitalismus, der sich in Richtung einer biologistischen Über-Metaphorik verschieben lässt, in deren Begriffen fortan das Funktionieren ökonomischer und sozialer Systeme beschrieben werden soll. In Reinform lässt sich dieses Denken in »Out of Control«<13>, dem Hauptwerk des ehemaligen Wired-Herausgebers Kevin Kelly, bestaunen. Der nämlich erklärt kurzerhand das Kapital zur Natur, den Kapitalismus zur Biosphäre und das Zirkulieren von Geld, Menschen und Ideen um den Globus zum natürlichen Flottieren von Schwärmen, Herden und Wellen im organischen Ganzen eines ökologisch selbstregulierten Freien Marktes - mit dem Treppenwitz, dass noch das Platzen der »Spekulationsblase« sich als finale Ankunft des organlosen Körpers deuten lässt.

Der Rhizomatische Risikokapitalist ist aber nicht nur Deleuzianer, sondern vor allem Darwinist, und so setzen sich in seiner Welt nur die besten Ideen durch, und nur wer an denen die Rechte besitzt, kommt zum einem Teil des Geldes. Doch weil er weiss, dass allein die grenzenlose Weisheit des Kapitals über Erfolg und Misserfolg entscheidet, kann er sich zurücklehnen und das Funktionieren der planetaren Marktmaschine geniessen. »Change is Good«<14>, hat Wired 1998 getitelt, und zwar, weil diese Formen von Veränderung niemand mehr diskutieren, infragestellen oder rechtfertigen muss, denn hier verändert die Welt sich nicht mehr aufgrund der Interessen bestimmter Akteure, sondern ganz von allein. Und die Killerapplikation, um es mit Wired zu sagen, ist natürlich der hyperkomplexe Netzwerkroboter, der sich selbst reparieren kann: der globale Kapitalismus.

Selbstverständlich gibt es noch eine Fülle von Unterkategorien des Rhizomatischen Risikokapitalisten, allen voran der Pragmatische Praktikant<15>, mit dem sich vor allem die Zeitschrift The Baffler<16> sehr gründlich beschäftigt hat. Der Pragmatische Praktikant glaubt an die Ökonomie des Geschenks und der Aufmerksamkeit und damit an den praktischen Nutzen unbezahlter Arbeit. So bewegt er sich von Praktikum zu Praktikum, ist heute ein Künstler, morgen ein Programmierer, übermorgen ein Tourist und nächste Woche Geschäftsführer seines eigenen Unternehmens, fest davon überzeugt, in diesem Umherschweifen durch die Sphären der Produktion käme einzig und allein sein eigener Nonkonformismus zum Ausdruck. Der Gedanke, dass seine Subjektivität von denselben Kräften strukturiert sein könnte, die auch die Neue Ökonomie, die ihn umgibt, am Laufen halten, ist ihm genauso fremd wie die Idee, dass auch eine deregulierte Arbeitswelt noch Gegenüber kennt, gegen die es sich zu organisieren möglich bleibt.

Schliesslich dürfte sogar das Modell der Kommunikationsguerrilla Teil des Rhizomatischen Risikokapitalismus sein, arbeitet diese doch mit ähnlichem Enthusiasmus auf demselben Feld von Netzwerkökonomie und Zielgruppenkapitalismus und teilt jede seiner spezifischen Blindheiten. Was die Kommunikationsguerrilla sich von Deleuze borgt, ist insbesondere die vage Vorstellung, der Kapitalismus sei nicht zuletzt oder gar vor allem ein Zeichensystem, und im Zentrum ihres theoretischen Ansatzes steht nicht viel mehr als die völlig unbegründete Hoffnung, dieses System geriete ins Wanken, wenn man nur ein paar seiner tragenden Signifikanten zum Fliessen brächte. In erster Linie aber ist der Begriff der Kommunikationsguerrilla eine permanente Beleidigung der realen Guerrillas, auf die er rekurriert, da er von den realen Kriegen, die diese geführt haben, und den realen Gegnern, die ihnen gegenüberstanden, bloss noch den symbolischen Mehrwert übrig lässt. Wenn die tatsächlichen Guerrillas eine Entsprechung im »Virtuellen« haben, dann sind das sicher keine Gruppen, die von morgens bis abends kommunizieren und gegenkommunizieren, und wenn der vielzitierte info war tatsächlich stattfindet, dann ist das der Krieg gegen die Information als solche - ein Krieg, der kaum erst begonnen und gewiss noch keine Genealogie heldenhafter Anführer hervorgebracht hat (die zudem, wenn sie denn eines Tages erscheint, sicher nicht als Ausstellungskatalog veröffentlicht werden wird).

III. Der Eingeflogene Experte

Der Eingeflogene Experte<17>, Speerspitze einer kritischen Avantgarde vielfliegender Akademiker, die die Business-Lounges unseres Planeten bevölkert, ist vermutlich das traurigste Exemplar all dieser Umherschweifenden Produzenten. Seine Bewegung im Raum ist die endlose Reise von Kongress zu Kongress: Man trifft ihn auf einem Dachgarten in Istanbul, tags darauf auf der Suche nach amerikanischen Zeitschriften in einer Buchhandlung in Venedig, und eine Woche später im exotischen Ambiente einer Dinner-Party in den Hügeln von Rio de Janeiro.

Der Eingeflogene Experte ist ein entschiedener Kritiker jenes Phänomens, das er als Globalisierung bezeichnet, und zugleich einer ihrer prominentesten Vertreter. Sein Blick auf die globalen Metropolen ist die halbvertikale Perspektive des landenden Passagiers, die Aussicht auf die schlecht zusammengesetzte, elektrisch beleuchtete Karte der Stadt und das wie die Credits eines Spielfilms unter ihm ins Bild rollende suburbane Raster. Dieser Blick hat etwas Beunruhigt-Verstörtes, denn natürlich startet, fliegt und landet der Eingeflogene Experte nicht wirklich gern, und letzteres schlägt ihm schon deshalb auf den Magen, weil er ja bereits eine Vorahnung davon hat, was ihn am Boden erwartet. Hat er nämlich erst einmal festen Grund unter den Füssen, wird er Teil eben jener Klasse, für deren Feind er sich hält: einer Elite globaler Vielflieger, die im Verlauf der letzten zwanzig Jahre zahllose Städte von Zonen urbanen Lebens in blosse Interfaces für transkontinentale Geschäftsreisende verwandelt hat.

Einem weit verbreiteten Glauben zufolge handelt es sich bei internationalen Kongressen um Orte lebendiger theoretischer Auseinandersetzung, was mit der Realität allerdings nur wenig zu tun hat. Fast nirgendwo gibt es ein lokales Publikum, abgesehen von den offensichtlichen Journalisten, von denen ein bis zwei genügen, um eine öffentliche Diskussion in eine Pressekonferenz zu verwandeln, und denen sogar betretenes Schweigen meist noch zu einer fruchtbaren Debatte umzulügen gelingt. Im besten Fall ist der Eingeflogene Experte unter sich. Das heisst, er hat sich zu horrenden Preisen um den halben Globus transportieren lassen, um Ideen vorzustellen, die ihm lange vorher zu Hause eingefallen sind, und sich dann Ideen anderer Eingeflogener Experten anzuhören, die ihm meist nicht nur bereits bekannt sind, sondern längst zum Halse heraushängen, handelt es sich doch nicht um die erste Konferenz, zu der man gemeinsam eingeladen worden ist. Dann müssen alle sehr schnell zum Flughafen, und anstelle einer Diskussion findet bloss eine hastige Verabschiedung statt: »Schön dich gesehen zu haben!« - »Ja, haben wir uns nicht letztes Jahr in Helsinki getroffen?« - »Nein, die hatten mich zwar eingeladen, aber ich konnte nicht kommen.«

Internationale Kongresse sind Theoriemessen, und die generelle Abwesenheit eines auch nur irgendwie theoretischen Interesses sagt eine Menge über den Stand der Dinge im Kongressgeschäft. Was sich dort präsentiert, ist immer häufiger eine globale DJ-Culture des Denkens - ein Denken, das in entsprechend loungigem Ambiente vor allem um die Frage kreist, wie schön es ist, dass es sich überall zu Hause fühlt. Der Sinn solcher Kongresse liegt in ihrer Funktion als Event, das heisst als Kulminationspunkt des Stadtmarketings. (So auch die Konferenz, anlässlich derer dieser Text enstanden ist, und die ansonsten natürlich eine der gleichermassen raren wie wunderbaren Ausnahmen darstellt. Die Stadt München braucht so dringend einen internationalen Internetkongress, dass sie sogar bereit ist, einen über Migration und offene Grenzen zu bezahlen, was paradox erscheinen mag, vom Standpunkt des Stadtmarketings aus aber immer noch Sinn macht. Hunderte von Leuten in Flugzeugen sind Tourismus, und es kommt nicht darauf an, ob sie kritische Ideen im Handgepäck haben oder nicht.)

Natürlich gefällt dem Eingeflogenen Experten dies alles ganz und gar nicht. Wenn er das Podium betritt, ist er gestresst, gejetlagged und unkonzentriert, und häufigt kommt es vor, dass er sich unterwegs auch noch eine seltene Krankheit eingefangen hat. Eine der hellsichtigsten Äusserungen des späten Deleuze ist in diesem Zusammenhang die Feststellung, dass das stundenlange Eingesperrtsein in modernen Zügen und Flugzeugen eine unerträgliche Erfahrung ist.<18> Und wer Deleuze nicht glaubt, möge eine Rockband über ihre letzte Tournee befragen, um zu begreifen, dass Reisen Teil des Problems und nicht Teil der Lösung ist. Der Eingeflogene Experte weiss das nur zu genau, aber er kann nicht entkommen: er ist bereits für die kommende Woche in Sao Paulo gebucht, muss von dort direkt zu einem Antiglobalisierungs-Treffen nach Brüssel, um im Anschluss seine Kritik spektakulärer Simulationen des Urbanen in Kuala Lumpur zu präsentieren.

Der Eingeflogene Experte ist vermutlich Grenze und Ende all dieser Umherschweifenden Produzenten, denn er ist selbstreflexiv und doch in einem geschlossenen Kreislauf gefangen. Theorien des Raumes gedeihen schlecht in Schalterhallen, Transitbereichen und Nichtraucherzonen, und Theorien der Zeit pflegen zu misslingen, wenn gerade Zeit von vornherein schon überzogen oder abgelaufen ist. Am Ende wird aus dem Eingeflogenen Experten der Pauschaltouristische Panelist, der in einem Zustand permanenten Konsums - einem Raum-Zeit-Kontinuum namens Restaurant-Taxi-Hotel - vollständig eingeschlossen ist. In seinem Endstadium gerät er in einen Zustand, der sich nicht einmal mit dem Schlusskapitel der Tausend Plateaus mehr erklären, geschweige denn rechtfertigen lässt. Und so ist der Eingeflogene Experte möglicherweise gar kein Deleuze-Guattarianer mehr, sondern vielleicht längst ein Negri-Hardist, vor dessen Augen sich an jedem Ort der Welt nur noch die Totalität des Empire materialisiert.

* * *

So oder ähnlich sieht sie also aus, die angebliche Leichtigkeit und Freude, noch heute Kommunist zu sein. Und doch geht der grundlegende Einwand gegen den Umherschweifenden Produzenten über den blossen Vorwurf, dass er als fashion victim linker Theorie selbst in weniger grobgemusterten Stoffen noch die unvermeidlichen Platitüden findet und nach aussen kehrt, weit hinaus. Denn die Verheerungen, die er auf dem Feld der Bewegungslehre anrichtet, sind ja nicht etwa ideologischer, sondern ganz und gar praktischer Natur.

Der Umherschweifende Produzent ist eine Figur, in der sich die Verhältnisse, die sie zu subvertieren glaubt, erst realisieren. Was er an jedem Ort, an dem er innehält, einführt und etabliert, ist nicht nur das Regime der Produktion, in dessen Kritik die meisten von uns geübt sind, sondern auch das Regime des Umherschweifens, das von freiwiller Reiserei über halb-freiwillige Zeitarbeit bis zu nicht-freiwilliger Migration reicht und das nachzuzeichnen wir erst noch lernen müssen. Wer die Romantisierung der Freiheiten des Freelancer-Daseins ablehnt, der sollte auch jede Nostalgie für nomadische Flüchtlinge begraben.

Denn der Kampf für freedom of movement, an dem der Umherschweifende Produzent sich beteiligt glaubt, hat keinen Begriff von Bewegungsfreiheit, wenn diese nicht die Freiheit einschliesst, jede Bewegung zu verweigern und an einem beliebiegen Ort für eine beliebig lange Zeit auch zu bleiben. Genausowenig ist er Teil des Kampfes für die Migrierenden und deren Migrationen, wenn das allein der Kampf für die Beseitigung der letzten Barrieren sein soll, die auch heute noch die Leute daran hindern, in perfekter Kongruenz mit den Fluchtlinien des Kapitals um den Globus zu zirkulieren. Selbst wenn die Grenzen des Kapitalismus gegen Null gehen, bleibt ein Begehren, das völlig andere Räume und Bewegungen besetzt.

Eine dieser Bewegungen ist überhaupt keine Bewegung, und die hat, auch wenn sie ihren Ort hält, weder eine Heimat zu verteidigen noch auch nur irgendeine Affinität zur Ökonomie der Regionalpartnerschaften und Familienbetriebe, die rechte wie linke Kritiker der »Globalisierung« heute wieder als antikapitalistisches Gegenmodell stark machen - als wären Region und Familie nicht gerade jene Modi des Zuhausebleibens, in denen sich die deterritorialisierenden (und damit zwangsläufig zugleich reterritorialisierenden) Kräfte des Neoliberalismus erst verwirklichen. Die Bewegung, die keine Bewegung ist, wäre die Bewegung all jener, deren Antwort auf den kategorischen Imperativ des globalen Kapitals und seiner Gegner, mobil zu bleiben und sich unter Gleichen zu vernetzen, auch weiterhin lautet: Ich möchte lieber nicht.

<1> Aus dem Englischen <noborder.org/webjournal/sun_item.php?id=34> übersetzter und erweiterter Vortrag <195.88.128.119:8080/ramgen/muffat/mw/c7/c7.smi>, gehalten auf dem Kongress »make world - border=0 location=yes« <make-world.org> im Oktober 2001 in München. Eine weitere Version erscheint im Januar 2002 in der Zeitschrift Subtropen <jungle-world.com/_2002/02/sub06a.htm>
<2> Thomas Atzert (Hg.), Umherschweifende Produzenten. Immaterielle Arbeit und Subversion, Berlin [ID-Verlag] 1998 <http://txt.de/id-verlag/books/Produzenten.htm>
<3> Guy Debord, Théorie de la dérive, in: Internationale Situationniste #2, Paris 1958 <textz.com/index.php3?text=debord+la+derive>
<4> Gilles Deleuze / Félix Guattari, Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie I, Frankfurt [Suhrkamp] 1977
<5> Michael Hardt / Antonio Negri, Empire, Cambridge / London [Harvard University Press] 2000 <textz.com/index.php3?text=hardt+negri+empire>
<6> im Original: The Networking Nomad
<7> Agentur Bilwet, Der Datendandy, Bensheim [Bollmann] 1994 <textz.com/index.php3?text=bilwet+datendandy>
<8> <google.com/search?q=%22the+short+summer+of+the+internet%22>
<9> Gilles Deleuze / Félix Guattari, Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie, Berlin [Merve] 1992, S. 524
<10> Gilles Deleuze, Postskriptum über die Kontrollgesellschaften, in: Unterhandlungen 1972-1990, Frankfurt am Main [Suhrkamp] 1993 <textz.com/index.php3?text=deleuze+postskriptum>
<11> im Original: The Ecstatic Entrepreneur
<12> Richard Barbrook / Andy Cameron, The Californian Ideology, London 1995 <textz.com/index.php3?text=californian+ideology>
<13> Kevin Kelly, Out of Control. The New Biology of Machines, Social Systems and the Economic World, London [Fourth Estate] 1994 <textz.com/index.php3?text=kelly+control>
<14> Change is Good, Wired 6.01, San Francisco 1998 <wired.com/wired/archive/6.01>
<15> im Original: The Flexible Freelancer
<16> Interns Built the Pyramids, The Baffler #9, Chicago 1997 <thebaffler.com>
<17> im Original: The Travelling Theorist
<18> Gilles Deleuze, V comme voyage, in: L'Abécédaire de Gilles Deleuze, Paris [Vidéo Editions Montparnasse] 1996

Starship Nummer 5, Seiten 53ff


zurück