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A Crack, not a Boom

Hans-Christian Dany

Die Entwicklung der Waffen ist, wie andere, eine der dauernden Veränderung, vor allem bestimmt von Bedarf und Technologie.

Ein großer Teil der Kämpfenden: Söldner, Nato-Eingreiftruppen, internationale Presse oder Enthusiasten werden inzwischen eingeflogen. Durch diese sich permanent steigernde Entortung gibt es kaum noch eine Farbe, die für die Uniform taugt. Der reisende Soldat dient einen Monat in der Wüste, um dann in mitteleuropäischen Städten seinem Handwerk nachzugehen. Ein Werkzeug, um nach dem Anlanden zügig wieder die eigene Kontur zu verwischen, ist der »Ghilliesuit«, der inzwischen auch industriell hergestellt wird. Auf einer weiten Jacke mit leidlich universalem Tarnmuster sind dicht an dicht Laschen aus Velcrobändern appliziert, an denen sich Stöcke, Blätter (eine kleine Gartenschere sollte zur Ausrüstung gehören) und Stoffreste passend zur jeweiligen Farbigkeit des Terrains montieren lassen. Wer die Jacke nicht in Amerika bestellen kann, näht sich einfach ein paar kleine Ringe aus alten Autoreifen auf einen Parka. Zweckmäßig ist auch ein Tarnnetz mit zwei verschiedenfarbigen Seiten oder ein Patchwork aus Netz-Resten, dessen Entfärbung sich durch Hinzufügen auf der Reise noch steigern lässt. Den Kopf läßt man verschwinden hinter einer Maske aus dehnbarem Netzmaterial (Spandoflage), die zusätzlich als Fundament für fragile Hutkonstruktionen dienen kann. Noch durchschimmernde Hautfarbe wird dem Gelände mit Tarnstiften angepasst. Für Stadt, Nacht oder blitzschnelle Überrumplungen haben sich schwarze Wollmasken mit drei Löchern durchgesetzt. Allein schon aus psychologischen Gründen zeigt kaum noch eine Eingreiftruppe ihr Gesicht.

»Der Mann mit der schwarzen Maske ist nur ein Jäger, der den bösen Wolf erlegen will«, sang Laurence Dreyfus für die gekidnappten Kinder in Paris. Als der Geiselnehmer einschlief, spielte sie mit den Kindern »Schildkröten«, die Mädchen krabbelten unter eine Matratze. Dann gab Frau Dreyfuss den Scharfschützen ein Zeichen. Die gepanzerten Polizisten schlichen mit Schalldämpfer-Pistolen in den Kindergarten - töteten den Gangster mit drei Kopfschüssen. Der polizeiliche »Todesschuss« wird nicht mehr diskutiert, Partisanen erschießt man standrechtlich, seit es Schusswaffen gibt.

Dem Tarnen engverwandt ist das Täuschen, wie beim Einsatz eines vorgeschobenen Gesichts. Mit den genannten Tarntechniken kann aus einem Perückenhalter die Verdoppelung eines Scharfschützenkopfes schnell hergestellt werden, welche dann über eine kleine Schiene in das Gesichtsfeld des anderen Scharfschützen bewegt wird. Durch Einschieben eines Holzbolzen in den getroffenen Styroporkopf ist gegebenenfalls auch die Lage des feindlichen Schützen zu orten. In jedem Falle provoziert man verräterisches Mündungsfeuer. Derartiger Rückgriff von Methoden aus dem ersten Weltkrieg lebt zusätzlich durch die Überraschung seiner Altertümlichkeit und ist dabei erstaunlich adäquat. Andererseits bewegen sich Nachtsichtgeräte und Wärmebild-Detektoren immer mehr im Rahmen des allgemein Erschwinglichen.

So preist das Söldnermagazin »Soldiers of Fortune« den Infrarot-Detektor der Firma »Gamefinder« an. Ursprünglich für die Waschbären-Jagd entwickelt, kostet das Gerät nur $300. Es ortet aber unter guten Bedingungen auch die Körperwärme von Menschen auf eine Distanz bis zu 1000 Metern, was bei der durchschnittlichen Kampfweite moderner Sturmgewehre von 400 m mehr als hilfreich ist. Mit $229 noch preisgünstiger ist die Entwicklung von »TacStar Industries«: Der »T-1000 Lasersight«, der auf fast alle gängigen halbautomatischen Handfeuerwaffen aufgeschraubt werden kann und nahezu 500 m Sichtweite in die Nacht erlaubt. Der fortschreitenden Verbreitung von Aufspür-Techniken muss der Scharfschütze ein mehr an Phantasie beim Tarnen entgegenhalten, um der unentdeckte Jäger zu bleiben.

Durch die wachsende strategische Bedeutung der Scharfschützen werden die Grenzen zwischen Polizei- und Militärausbildung immer fließender. So trainieren die Männer des österreichischen »Gendarmerieeinsatzkommandos Cobra« den Kampfeinsatz in einem Dschungel oder das Fallschirmspringen. Die bevorzugte Schußwaffe bei »Cobra« ist das leichte Sturmgewehr77 (SteyrAUG, 5,5mm), das den schwereren und im Feuerstoß nicht so exakt zu handhabenden Klassiker MP5k (9mm) von Heckler & Koch abgelöst hat. Militär und Polizei richten sich mehr und mehr auf einen hochmobilen bzw. versprengten Gegner ein. Als Kampffahrzeuge dienen Mercedesse der SE-Klasse, sowie Hubschrauber. Für Langstreckeneinsätze der Grenzpolizei besteht eine enge Kooperation mit der österreichischen Armee.

Die »satzungswidrige« Teilnahme am Krieg, der stetige Durchbruch von »Piraterie«, greift die Begriffsgrenzen an. Lässt die Begriffe zitternd in die Rettungsboote springen. Polizistische Militärs, militärische Polizisten. Verbrecherbanden werden zum militärischen Gegner und im Gegenzug ganze Armeen zu Verbrechern erklärt. Minderheiten zum angreifenden Feind, während Mehrheiten Gegenangriffe vornehmen, wie sie sich Carl von Clausewitz schon vom idealen Staatsbürger im preußischen Volkssturmedikt von 1813 wünschte: »Die Ausschweifungen zügellosen Gesindels« als militärische Methode. »Er verteidigt den heimatlichen Boden gegen einen fremden Eroberer«. Beile, Heugabeln, Sensen und Schrotflinten wurden damals ausdrücklich empfohlen, jetzt kommen Satellitentelefone und Kryptographie allein für die Kommunikation hinzu. »Irgendwie ist der Partisan als irregulärer Kämpfer immer auf die Hilfe eines regulären Mächtigen angewiesen. ..., weil die ununterbrochene Steigerung der technischen Kampfmittel den Partisanen von der fortwährenden Hilfe eines Verbündeten abhängig macht, der technisch-industriell imstande ist, ihn mit den neuesten Waffen und Maschinen zu versorgen und zu entwickeln« (Carl Schmitt in »Theorie des Partisanen«).

Schmitt nimmt 1963 beinahe sentimental Abschied vom »Partisanen«. In einer Welt der atomaren Vernichtungsschläge sieht er keinen Platz mehr für diese Anti-Techniker, schreibt von der Reduktion auf ein »Verkehrspolizeiliches« Problem. Inzwischen sprechen aber auch die Bundeswehrgeneräle im Fernsehen nicht mehr von einer »Bedrohung«, sondern von »Krisen«. Jegliche Regelung des »Verkehrs« steht vor dem Kollabieren, diverse, diffuse Armeen von »Verkehrspolizisten« bevölkern die Straßen.

Diese Zerstreuung der aufzuräumenden Ziele forciert gerade im Ortskampf den präzisen Einsatz von Scharfschützen. Die breiter angelegten Sturmelemente aus den vergangenen Jahren würden zu großen Verlusten in der nicht-feindlichen Zivilbevölkerung führen, »was die Stimmung senkt« und umkippen lassen kann. Die Firma »S.C.R.C.« setzt mit ihrem neuen Schalldämpfer MK4 den SteyrSturmgewehren die Krone auf. Die Geräuschsignatur wird um 33 Dezibel reduziert. Negativ fiel den Testern nur auf, dass sich der MK4 bei längerem Sperrfeuer zu stark erhitzte. Für die Nacht entwickelte »Steyr« selbst einen Blitzdämpfer, der das Licht des Feuerstoßes nahezu völlig absaugt. Bestanden bisher Bedenken unter Militärs, überhaupt Schalldämpfer einzusetzen, da diesen immer der fast verbrecherische Charakter des Irregulären von Sabotage- und Spionage-Einsätzen anhaftete, steigt der Absatz nun rapide.

Eine weitere Neuheit aus dem Hause »Steyr«, ist die taktische Maschinenpistole »Mannlicher TMP«. Mit einer Lauflänge von 13cm extrem kurz bei akzeptabler Präzision, wegen des synthetischen Materials fast so leicht wie ein Camcorder, und einer theoretischen Feuergeschwindigkeit von 900 Schuß pro Minute - ist es Kriegsgerät für Handschuhfach und Aktentasche.

Ulrich Wegner, in den siebziger Jahren Kommandeur der GSG9, skizziert in der Fachzeitschrift »Barett« (1,`93) die jüngste Feindverschiebung für die militärischen Polizisten bzw. »Anti-Terrorgruppen«. Zugeschnitten auf die Bekämpfung von Terroristen, die in ihrer Logistik und Befehlsstruktur hervorragend organisiert sind und allen Techniken der Guerilla folgen, liefert die GSG9 eine militärische Antwort. Von einem Feind dieser Natur fühlt sich die GSG9 nicht mehr ausgelastet. Deshalb stellte sich die GSG9 für einen Eingriff beim »Gladbecker-Geiseldrama« bereit - wurde aber zu ihrem Bedauern nicht angefordert. Wegner hofft nun, dass eine Zuspitzung der organisierten Kriminalität sowie die Auswirkungen der schlechten Wirtschaftslage in den neuen Bundesländern zu der Einsicht führen wird, daß die Aufrechterhaltung der »Inneren Sicherheit« wieder mit militärischen Mitteln gewährleistet werden muss.

Armee 95 nennt die Schweiz den Neustrukturierungsplan ihrer Streitkräfte. War es bisher das Hauptziel, sämtliche Zugangswege in die Schweiz durch Sprengung und ähnliches zu zerstören, um das Land bei einem Krieg in Mitteleuropa aus dem Spiel zu halten, richtet man sich nun auf andere, wohl auch längere, Kriege ein. Vorrangiger Auftrag ist es nun, die Verbindungswege zu schützen. Den Fluss von Waren und Energie weitest möglich aufrecht zu erhalten. Der Wunsch nach mehr Mobilität ist auch in der Wahl des Gewehrs zu erkennen. Statt dem bisher benutzten Sturmgewehr-57 wird das 1,8 kg leichtere Sturmgewehr-90 zum Einsatz kommen. Um die erwarteten Panzer besser auf Distanz zu halten, arbeitet die Schweizer Armee an einer Weiterentwicklung der Dragon-Raketen, die mit Tandemhohlladung per Panzerfaust-3 verschossen werden sollen. Die Rohre der Haubitzen werden von 2,31 m auf 3,15 m verlängert, was die Reichweite um 3.2 km steigert. Die Haubitzen können aber trotzdem weiterhin mit den »Super Puma Hubschraubern« an ihre Einsatzorte geflogen werden. Da selbst dem wendigen Piranha Panzerjäger auf der Alp wohl Grenzen gesetzt sind, stellt die Armee zusätzlich zwei Transportkompanien mit Maultieren und Pferden auf. Die traditionelle graue Uniform wird durch einen vierfarbigen Fleckentarnanzug ersetzt. Gespart werden muss angeblich an der Weiterentwicklung »intelligenter Munition«, die den Schweizern bisher doch so am Herzen lag. Angeschafft wurde aber noch das durch den Einsatz bei den afghanischen Partisanen zu Ruhm gekommene Lenkwaffensystem Stinger.

Im wesentlichen dem Training der Geiselbefreiung gewidmet war die Gefechtsübung »Farfadet92«. Interventions-Korps verschiedener europäischer Armeen übten den Polizei-Einsatz als kriegerische Maßnahme. Vorgestellter Feind waren Geiselnehmer, die den Frieden destabilisieren wollten. Der ursprüngliche Angriffsplan war die Infiltrierung eines Unterhändlers. Da man davon ausging, dass ein Verhandlungs-Spezialist nicht zwangsläufig Fallschirmspringen kann, sollte er im Huckepackverfahren, d.h. einem Absprung-Spezialisten vorgeschnallt, abgeworfen werden. Wegen zu schlechtem Wetter musste das »Einsprung« der Verhandlung aber abgebrochen werden. Nach diesem Scheitern der diplomatischen Bemühungen ging man im Interesse der Geiseln zügig zum Einsatz der »Heckler&Kochs«, sowie Repetierschrotflinten, dem Schlüssel um Türen und Fenster zu öffnen, über.

Cocosnussminen wurden erstmals von den Vietcong eingesetzt. Während Minen mit Metallgehäuse inzwischen immer unproblematischer durch Röntgen-Detektoren zu entdecken sind, wird eine Hülle aus Cocosnuß, wie es sie in jedem Supermarkt gibt, ummantelt mit Glassplittern und spitzem Geröll, leicht zur tödlichen Falle. Ein weiterer Vorteil selbstgebauter Minen ist, dass es keine Standards zu ihrer Entschärfung gibt. Überhaupt lassen sich sehr viele Techniken der Vietcong, Fallgruben oder mit Handgranaten versehene Falldrähte, dank ihrer Einfachheit auch in jedem mitteleuropäischen Haushalt lagern. In Bosnien wurden wegen des Mangels an Granaten große, sprengstoffgefüllte Gasflaschen mit aus Schrott geschweißten Haubitzen bis zu 500 m weit verschossen. Dazu trägt man diverse Repliken amerikanischer Uniformen oder bevorzugt ausgemusterte Bundeswehrpullover.

Clausewitz schloss in die »Volksbewaffnung« nahezu aus, da er eine »große Zersplitterung der Kräfte« durch die »Haufen« befürchtete. Die großen Ziele haben sich längst aufgelöst, »die Atmosphäre der Gefahr« ist nicht mehr »dicht«, eher ein endloses Meer flirrender Splitter. Die Kleinheit der Ziele ruft eine neue Art der »bewaffneten Volkshaufen« auf den Plan. »An diesen schwachen Haufen pflegt sich dann das Feuer des Volkskrieges erst recht zu entzünden, .. es wächst der Mut, die Kampflust steigert sich, und die Intensität des Kampfes nimmt zu, bis sich der Kulminationspunkt nähert, der über den Ausgang entscheiden soll.«

(1993)
Starship Nummer 5, Seiten 59ff


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