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Speaking in Tongues

Natascha Sadr Haghighian

Chancen und Gefahren der Glossolalie in der heutigen Zeit

1. Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort.

2. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie von einem daherfahrenden gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie weilten.

3. Es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten und einzeln herabsenkten auf einen jeden von ihnen;

4. Und alle wurden von Heiligem Geist erfüllt und fingen an, in anderen Zungen zu reden, so wie es der Geist ihnen eingab.<1>

Das kleine Mädchen ist besessen<2>. Wie sie da im Bett liegt in ihrem Nachthemd, mit den langen blonden Haaren, können wir es kaum glauben. Sobald sie aber den Mund aufmacht, ist der Fall klar. Der Teufel ist in sie gefahren und sagt mit tiefer Stimme Sachen, die wahrscheinlich jedem Pädophilen den Schweiss auf die Stirn treiben. Ein Exorzist muss kommen und den Geist austreiben. Dabei geht es um Tod oder Leben für alle Beteiligten.

Ein anderes kleines Mädchen liegt apathisch fiebernd auf der Handwerksbank im Keller<3>. Sie wurde von einem Zombie gebissen. Sie muss nicht einmal etwas sagen und wir wissen trotzdem sofort: sie gehört nicht mehr zu uns. Später wird sie selber ein Zombie werden und ihre Eltern töten.

Beide Mädchen machen eine exstatische Erfahrung. Etwas, ein Geist, ein Hauch, ein »Pneuma« erfüllt sie und entkoppelt sie von ihrer sozialen Position. Sie werden Fremde, obwohl sich rein äusserlich nichts an ihnen verändert.

Sie stehen damit in einer Tradition, die im kulturellen Einzugsbereich der Bibel verschiedene Phasen der Betrachtung und Interpretation durchlaufen hat in den letzten ca. 2000 Jahren. von einer gängigen Praxis zu Petrus Zeiten, über verschiedenste Pneumatische Bewegungen im 18. und 19. Jh. bis hin zur psychologischen Enträtselung der Glossolalie durch Freud zur einen und der Transformation in der Linguistik zu anderen Seite. In der Bibel ist die Glossolalie, also das Reden in Zungen ein ekstatisches Sprechen, dessen Sinn nicht ohne besondere Erleuchtung oder Erklärung durch einen Propheten zu erkennen war. Psychoanalyse und Linguistik übernahmen diese prophetische Rolle für das 20 Jh. und erklärten das Zungenreden wahlweise zum krankhaften Automatismus oder zur Privatsprache.

Was ist also mit Kylie Minogue los? wenn sie singt: »I can't get you out of my head«, heisst das dann, dass sie eine neurotische Wunscherfüllung in uns allen anspricht<4>? Oder handelt es sich hier um den klassischen Sprechakt. gesagt - getan. Ich versuche den Song wieder los zu werden und ertappe mich ständig beim Wiederholen des Refrains. Die Frage, welcher Geist da in mich gefahren ist, gestaltet sich schwierig. Es könnte Kylie sein, oder der Boy von dem sie spricht. Es könnte auch die Plattenindustrie sein, die auf diesem Weg von mir Besitz ergriffen hat. Es könnte aber auch Onkel Freud selbst sein, der mich schon immer der Hysterie bezichtigt hat. Vielleicht ist der sogar schwerer auszutreiben als Kylie oder die Plattenindustrie.

Wenn ich dieser Besessenheit Ausdruck verleihen möchte, mache ich wahrscheinlich eine der unzähligen kursierenden Coverversionen (wie schon von Destiny's Child und Missy) und bringe sie als Bootleg raus. Das ist so wie einer Betroffenengruppe beitreten.

Oder Harry Potter<5>. Ich weiss nichts über den Mann. Ich sehe nur überall die Leute, denen er einen spitzen albernen Hut aufgezaubert hat, der sie schon auf 10 Meilen gegen den Wind als Betroffene outet. Was hat die Psychoanalyse uns da heute noch anzubieten? Hat die Linguistik gewonnen? Wenn ja, dann nehmen wir wahrscheinlich alle an einem Sprachspiel teil, in dem Gut und Böse nur als Differenz von struktureller Qualität auftaucht. Ein Spiel im wertfreien Raum. Die Besessenheitsrituale der zivilisierten Welt wären ja sonst entweder Ausdruck einer kollektive Geisteskrankheit oder ein Rückfall in eine »vorzivilisatorische« Religiosität.

Es handelt sich aber scheinbar um eine frei wählbare Zustandsverschiebung, die nur der Steigerung der Lebensqualität dient. Wer das falsch versteht ist selbst schuld und fliegt raus. So sind die Spielregeln. Wenn das Universelle: organlose Körper und Wunschproduktion unter den Bedingungen des offensichtlich siegreichen Kapitalismus am Ende steht, wie dann noch die nötige Naivität aufbringen, um universale Geschichte zu treiben (fragen D/G im Anti-Ödipus 1972<6>)? Wenn es hier tatsächlich eine Entwertung durch Verwertung gegeben hat, und das Teil des Verwandlungsrituals ist, müssten ja alle Teile der Maschine noch da sein, aber jetzt eben losgelöst im Raum schweben. Richtungen sind aufgehoben. Begründungen auch. Eine explodierte Raumstation, die nicht mal die Kraft aufbringt, ihre Einzelteile von sich zu stossen. Alles wabert zusammen in einem schwerelosen Nichtort.

Jeder/Jede kann jetzt Harry Potter UND Kylie Minogue zugleich sein, und das ist noch nicht mal schizophren sondern ganz normal und hat null Wirkung. In was kann ich mich also noch verwandeln wenn das alles schon besetzt ist, aber gar keinen Zauber mehr kann?

Wenn Laibach »Nothing's Gonna Change My World« von den Beatles covern<7>, wenn VVM die Spice Girls durch ihren speziellen Fleischwolffilter drehen<8>, wenn Terre Thämlitz »I Love You Just The Way You Are« von Billy Joel verhäckselt und diesen Vorgang »Means from an End« nennt<9>, sind das verschiedenste differenzierte rituelle Handlungen, die das Spiel selbst verwandeln. Thämlitz erklärt das ungefähr so: Von einem Punkt, an dem nichts mehr geht (I love you just the way you are/Billy Joel), so viel Depression zu sammeln, dass daraus ein Tool wird, mit dem das scheinbar Unverwandelbare zum Ausgangspunkt für das eigene Handeln wird. Der geläufige Begriff »means to an end« wird zu »means from an end« und bezeichnet die Umkehrung der Zielsetzung.

In dem Film »Les Maitres Fous« (1954) von Jean Rouch treffen sich Mitglieder der Hauka, einer rituellen Bewegung in Westafrika zu einer Zeremonie, der die Kamera als zusätzliches »Medium« beiwohnen darf<10>. Sie treffen sich auf einer Farm ausserhalb der Stadt wo sie für die Dauer der Zeremonie in einen Zustand der Trance fallen und von verschiedenen Geistern besessen werden. Diese Geister sind assoziiert mit den Kolonialmächten. Es gibt einen verrückten Major, einen Ingenieur, eine Wache, und andere Protagonisten der westlichen Besatzer. Verschiedene Utensilien werden als Props eingesetzt. Klamottenstücke werden als »Union Jacks« über den Köpfen geschwenkt, Sonnenbrillen, Helme, gewehrähnliche Hölzer kennzeichnen die Akteure. Ein schwarz/weiss angemalter Termitenhügel wird zum Palast des Gouverneurs. Die Beteiligten tanzen im Kreis bis der erste Geist kommt. Einer nach dem anderen wird zum Besessenen. Sie rollen die Augen, haben Schaum vor dem Mund, verfallen in Krämpfe und Zuckungen. Dann wird eine Art Militärparade frei nach Muster der entsprechenden kolonialen Zeremonie abgehalten. Es wird salutiert, marschiert und die Holzgewehre werden geschwungen. Dann gibt es einen »round table« in dem die schäumenden, zuckenden Medien diskutieren, ob sie einen Hund roh oder gekocht essen sollen.

Nachdem der Hund geopfert wurde, und alle von seinem Blut getrunken haben, geht die Zeremonie ihrem Ende zu. Die Besessenen beruhigen sich und kommen zu sich.

Rouch sagt zu der Rolle der Kamera im Ritual: »Sie (die Hauka Priester), waren bereit eine Art Experiment auszuprobieren, weil sie jeden Aspekt »Europäer-basierter« Technologie kontrollieren zu können glauben, eingeschlossen Kameras und Filme, deshalb wäre es eine Herausforderung für sie. »So wollten sie ihre Furchtlosigkeit angesichts und vor europäischer Technologie zeigen, um einen Film zu machen der die mutige Frechheit einer mimetischen Überdosis überall hin und auch nach Europa zurück transportiert« (aus Prerana Reddy, African Film Festival NY). Es scheint, als würden die Hauka mit dem Ritual die Kolonisatoren austreiben. Besessenheit wird eingesetzt, um sich von einer Besetzung zu befreien. In der Aneignung der Gesten spiegeln die Medien die Absurdität und Brutalität der Inszenierungen der Besatzer und brechen damit deren Zauber.

Bei dem Mädchen, das zum Zombie wird, passiert etwas Ähnliches. Wenn sie ihre Eltern umbringt, die vorher über ihren bewusstlosen Körper hinweg weiter den Horror familiärer Machtkämpfe austrugen, passiert auch eine Freisetzung. Ihre Splatter-Axt wird zum Bootleg der Kriegsmaschinerie.

Noch eines haben Hauka und Zombies gemein. Sie formierten sich zu spezifischen Zeitpunkten. So wie die Hauka während des ersten Weltkriegs entstanden, der Sage nach zuerst in Person eines westafrikanischen Soldaten, dabei ein Phänomen der Kolonialära waren und nach der Unabhängigkeit im traditionellen religiösen System verschwanden, tauchten die Zombies als Genre im Zusammenhang mit Vietnamkrieg auf und assimilierten später mit anderen Spezies der B-Welt. Ihre Erfinder setzten die Erfahrungen, die sie teilweise selbst in Vietnam gemacht hatten in dieser Form um. Beides sind keine unbefangenen, naiven Praktiken. Die verwandelten Subjekte sprechen mit den Zungen ihrer ärgsten Feinde, in den Sprachen ihrer schlimmsten Alpträume und nehmen sich durch Opfer die Möglichkeit der Distanzierung vom Geschehen. Sie entziehen sich sowohl der Rationalität der Untersuchungsmethoden, die auf sie angewandt werden als auch einer Verwertung.

Am Abend fahren die Teilnehmer des Hauka Rituals zurück in die Stadt. Der Film zeigt sie am nächsten Morgen bei der Arbeit, beim Plausch an der Strassenecke, beim Verrichten alltäglicher Dinge.

<1> Pfingstwunder, Apostelgeschichte, Bibel
<2> Der Exorzist, USA 1973, Regie: William Friedkin
<3> Night of the Living Dead, USA 1968, Regie: George A. Romero
<4> <www.totallykylie.com>
<5> <harrypotter.warnerbros.com>
<6> Anti-Ödipus, Deleuze und Guattari, Suhrkamp 1974
<7> <www.laibach.nsk.si>
<8> V/VM (UK), Sick Love u.a., V/VM, <www.forcedexposure.com>
<9> Terre Thämlitz, Means From An End, Comatonse/Mille Plateaux, <www.comatonse.com>
<10> Les Maitres Fous, Frankreich/Westafrika 1954, Film von Jean Rouch

Starship Nummer 5, Seiten 62ff


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