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Mit der FAZ in der Lufthansa über Deutschland

Ariane Müller

Im Flugzeug der staatlichen deutschen Fluglinie, beim Flug nach oder von Berlin, läßt sich beobachten, wie die deutsche Gesellschaft eben in eine geriatrische umgebaut wird. Am eindrücklichsten vielleicht an den Stewards und Stewardessen, die natürlich immer noch jünger als ihr Publikum sind, aber doch deutlich über 50. Und das ist gerade in diesem Beruf, der lange über Jugend und Aussehen dargestellt wurde, beeindruckend. Alle Flüge von Lufthansa sind hoffnungslos voll, voll mit Pensionistengruppen, und das einzige mitfliegende Baby ist, wie sich herausstellte, von seinen neuen Eltern und die im Pensionistenalter gerade neu in Brasilien eingekauft worden. Gesprächsstoff für die Stewardessen: Das könnte man sich eigentlich auch überlegen. Da tut man ja auch was Gutes.

Bei der Einreise in die Vereinigten Staaten ein anderes Bild. Da stellt sie sich, diese heikle Frage: War ich jemals an einem Völkermord beteiligt? (War ich??)

Züge für Menschen, die schon seit Jahren um 5 Uhr gerade sitzen - senile Bettflucht - aber dafür mit niedriger Einstiegsschwelle. In dieser geriatrischen Gesellschaft kann man nicht alt werden. Sie ist immer schon ein wenig älter als man selbst. Bekommt härtere Kontraste, bevor man selbst schlecht sieht und wird lauter vor der eigenen Schwerhörigkeit. Im eben erschienenen Buch »Verschwende Deine Jugend« (Suhrkamp 2001, Hsg. Jürgen Teipel) trifft man auf 15-20 jährige, die es ziemlich schnell aufs Spiegelcover gebracht haben. Das war 1977. Die einzigen in diesem Alter, die da in den letzten Jahren mitziehen konnten, waren - was - Neonazis. Und natürlich, wenn man es merken würde, wenn es eine Bewegung gäbe, die Menschen dieses Alters erfasst, dann ja auch dadurch, dass sie sich gegen einen richten würde oder gegen dieses Bild, das man lebt, dann wäre sie das ja wohl.

Die FAZ will dabei helfen, die neue Generation verstehen zu lernen. Arbeitet daran, dass es nicht zu einer Sprachlosigkeit kommt, zwischen der Jugend und der Klientel in den Lufthansa-Maschinen. Die Generationen sollen sich nicht mehr so unvermittelt gegenüberstehen, wie damals 1977. Und sie erklärt: Uns in einer einzigen Ausgabe Ernst Jünger nochmals und an anderer Stelle Carl Schmitt und auf der Medienseite wird lange über die Verdienste des neuen Dreiteilers über die Vertriebenen berichtet. So konstatiert die Zeitung, für Jünger waren (ab hier Zitat FAZ) »Lenin und Mussolini Vorbilder an revolutionärer Leidenschaft. Im Januar 1927 schreibt er: Wir besitzen in Europa nur einen Staat, dem das nationalistische Arbeitertum die Form gegeben hat: den italienischen.« Ja. mit Italien Lenin erklären. Carl Schmitt ging es »nicht vor allem um eine Aufhebung der Verfassung, sondern nur um eine zeitweilige Ausserkraftsetzung, bis sich die Lage im Reich wieder stabilisiert hatte.« Und damit überzeugt sich die FAZ, dass es sich bei ihm nicht um eine »grundsätzlich antidemokratische Position« handelt. Mein wöchentlicher Lufthansa-Flug versorgt mich mit der FAZ und mein Billigreisebüro wirbt damit, dass ich hinter dieser Zeitung so tun könnte, als gehörte ich dazu (means: hätte dafür den vollen Preis bezahlt. Ich fürchte, noch nicht).

Gestern um 12 Uhr nachts eine Richtigstellung des ZDF in Bezug auf den Bericht über den neuen Film von Lanzmann: »Entgegen unserer Behauptung war Sobibor kein polnisches Konzentrationslager, sondern ein deutsches Konzentrationslager in Polen.«
Starship Nummer 5, Seite 70


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