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... that no emotion is the final one.

Martin Ebner

Oranges are not the only fruit heißt Jeanette Wintersons erster Roman, geschrieben im Winter 83 und Frühling 84. Manchester, Arbeiterklasse, ein Adoptivkind, für das nicht vorgesehen war, klug zu werden. Eine Welt wird beschrieben, in der das Mädchen mit der Bibel, dem Alten Testament aufwächst, sie sollte Missionarin werden. Im spiralförmigen Verlauf der Erzählung erkennt man die psychotischen Facetten dieser Verbindung von Kirche, Familie und Schule. Der Sprachwitz der auftretenden Personen - alleinstehende, verarmende, älter werdende Frauen, im festen Glauben an ihre Interpretation der Wahrheit des Alten Testamentes - ist enorm. Das Buch steckt voller märchenhafter Episoden, König Artus tritt auf, Zauberer. Nach krisenhaften Passagen der Unterdrückung durch Pastoren oder Schulleitern, vor allem durch die Mutter, emanzipiert sich die Heldin, das Kind, erst spät. Sie hatte sich in eine Frau verliebt. Gegen Ende, als von ihrer Gemeinschaft Verstoßene, nimmt die Erzählung eine stilistische Wendung. Der Versuch, als beinahe Erwachsene zu ihrer verbitterten Mutter zurückzukehren, dehnt sich ungewöhnlich in die Länge. Es ist ein schmerzhafter Anlauf, es gibt keine witzigen Momente mehr und das Erkennen des Alleingelassenseins, der Unmöglichkeit einer Versöhnung mit der Vergangenheit nimmt beinahe opaken Charakter an.

Jeanette Winterson schreibt hochgradig experimentelle Texte. Man kann das auch auf Deutsch lesen, ihre Bücher erscheinen in klaren Übersetzungen neuerdings im Berlin Verlag. In den Buchhandlungen steht so etwas unter Frauenliteratur.

Ihre letzte Veröffentlichung mit dem Titel Power Book zeigt sie als freie Autorin und Liebhaberin. In einer einfachen Grundstruktur, der des online-Schreibens am Computer, nachts, und des Reisens, erfindet sie sich und ihr Gegenüber leidenschaftlich und reflektierend in wechselnden Rollen und Zeiten. Das Verhältnis zu universalen Begriffen, darunter auch das Wort Liebe, steht in komplexen Entscheidungsprozessen. Das ist nicht essentialistisch, ihr differenziertes Timing ist wohlüberlegt. Und ihre Website besuchbar.

<www.jeanettewinterson.com>
Starship Nummer 5, Seite 89


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