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»begin to think, about how we are to begin to begin«

Klaus Weber

Das beste Musikstück das ich 2001 gehört habe ist »You`re no good« von Terry Riley und erschien 2000 auf organ of corti 5.

Es entstand im Winter 1967- 68 und wurde für eine Diskothek komponiert. Wunderbare und ebenso einfache Dramaturgie 20 1/2 Minuten lang, sehr großzügig im Aufbau, gleichzeitig empirisch und halluzinogen: der Anfang, ein anhaltendes 2-teiliges Moog-Geräusch: auf der linken Seite ein gleichmütiges, herzrhytmusartiges Schnurren, schwer und bröselig.

Auf der rechten Seite, scharf getrennt, ein ähnliches Geräusch mit einer anderen Dynamik: es schwillt an, wird schneller und höher, die Dynamik eines elektrischen Dampfkessels oder einer startenden Rakete. Die Gleichmütigkeit auf der einen und der eskalative Sound auf der anderen Seite steigern und binden sich gegenseitig, wie in einem Fiebertraum, der vom eigenen Herztrommeln begleitet wird, nach ca. 2 1/2 Minuten erreicht das rechte Ohr eine Frequenz, die das linke nicht mehr beruhigen kann. An der richtigen Stelle passiert etwas: Das Geräusch bricht schlagartig ab, ein angeschnittener Bläser-Tusch, gefolgt von einem lässigen Basslauf: plötzlich diese Klarheit! Der Knoten platzt, und herauskommt ein einfaches R&B-Stück: Dialogisch streiten sich ein Mann und eine Frau, ein Liebespaar, und einig sind sie sich im Refrain »You`re no good« den sie abwechselnd singen. Super. Super einfach. Bis dahin. »You`re no good« »I can´t hear it anymore« (die Methode riecht schon leicht nach Punk). Bis jetzt: transparent und überschaubar. Und es sieht so aus, als ob das angeeignete R&B- Stück einfach so zum Ende laufen würde, es gibt alle gängigen Elemente in ihrer üblichen Reihenfolge Intro, Strophe, Refrain, Refrain. 2 1/2 Minuten nach dem ersten Bruch die 1. Manipulation, der Refrain »You're no good« läuft immer weiter. Hier beginnen systematische Operationen: ab 5.16 Delay, 5.46 ein kürzerer Loop, 6.14 fängt sich die Sängerin wieder, aber ihre Stimme kommt zweifach, versetzt. Ein starkes Delay, knapp am Autokanon vorbei, dann wird es wilder und unübersichtlicher. Bei 9.15 ein kurzes tempo-bending, dann weiter in sehr kurzen stereo-verschobenen Loops. Die Spannung bricht nie ab. Wirkung: natürlich-mechanisch, mechanisch-zufällig, so natürlich-synthetisch wie Meskalin, mit dem Riley auch experimentierte. Analoge Loops, teilweise Pseudo-Loops, aus einer Zeit, in der Wiederholungen mit Tonband-Kopien und Schere hergestellt wurden.

Terry Riley aber arbeitete mit einem »time-lag, looping and phasing accumulator«: mit einem Tonband und 2 Taperecordern, durch die das Band läuft, einmal über den Abspiel- und einmal über den Aufnahmekopf. Die unregelmäßigen Loops mit sich selber zu überlagern ist eine Art Essentialisierungsprozess, ein gezinkter Wahrheitsfilter. Das Element einer fünftönigen Holzxylophonmelodie trennt sich so in »You`re no good« für ein paar Minuten subjektiv von den Gesangsstimmen, so wie die Speichen eines Rads ab einer bestimmten Umdrehungszahl rückwärts zu laufen scheinen. Das hat Erkenntnischarakter, »ich habs gesehen, es war nicht da«; plötzlich und kurzfristig stehen sich 2 Elemente klar gegenüber, die schon immer da waren: Xylophon und Stimmen.

Nach 13.43 min. setzt dann das Moog-Geräusch wieder ein, es legt sich rhythmisch und störend, orchestral versetzt über die Stimmen. Die werden kürzer, stakkatoartig kleiner, dünner, weiter weg, bis sie sich dem Geräusch angleichen, robotifiziert. Ein kurzes Echo aus Resten. Dann sind sie verschwunden und »das Geräusch« beherrscht die Sphäre.

Bei 17.22 fangen sich die Stimmen wieder, erst rückwärts, dann wieder geradeaus, aber weiter im Delay, wieder alleine, wenn auch nur für kurze Zeit.

In der 18ten Minute tritt »das Geräusch« wieder auf, nun von rechts, links die Stimmen, dann gibt es einen Twist, den finalen Plot. Die Stimmen schwappen nach rechts, der Moog nach links, die Stimmen laufen auf einen Schlag in konstanter high-speed, das Geräusch zieht allmählich an, wird lauter, schneller, höher, bis schließlich nur noch Äther übrigbleibt... »die kommen nie zurück«.
Starship Nummer 5, Seite 93


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