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MotelHanoi

Martin Ebner

Im Keller eines kleinen Vorstadthäuschen in der Wahlenstraße in Köln befindet sich ein winziger Atombunker von etwa vier Quadratmetern Grundfläche. Ganz mit Styropor verkleidet, nur durch das Glimmen eines Computerbildschirmes erhellt, gibt es darin eine Liegefläche. Darauf kann man schlafen. Man ist zu Gast im Motel Hanoi. Erkundigt man sich bei den in höheren, helleren Stockwerken lebenden Betreibern nach dem Ursprung dieses stolzen Namens, erhält man ausweichende Antworten. Mit einem Schlüssel versehen, ist man hier frei zu Kommen und zu Gehen, vorausgesetzt, man bezahlt eine geringfügige Summe Geldes, mit der sowohl die Starkstromzufuhr als auch das Kraftfutter für den klugen und aufmerksamen Wachhund Paul gewährleistet bleiben.

Noch mit den letzten Echos der sich im Motel Hanoi anfangs mit plastischer Deutlichkeit einstellenden Alpträume beschäftigt, in denen der Künstler Absalon, der Musiker Roots Manuva sowie der ehemalige Wirt des Grünen Eckes sich damit abwechseln, den gelähmten Liegenden zu quälen, begibt man sich vormittags in die Stadt, um dem eigentlichen Zweck seiner Geschäftsreise nachzugehen. Danach hat man frei und kann in der Brauerei Päffgen kurz eine Gurke essen. Dort ist alles beim Alten, es gibt Kölsch. Später muß man erkennen, daß Köln geschrumpft ist. Man bewegt sich einmal kurz nach links und wieder nach rechts und durchquert dabei gleich sieben Stadtbezirke. Hat man die mondäne Atmosphäre der lokalen Bulgari Boutique in sich aufgenommen, ist man bereit zu einem Besuch in der Buchhandlung König, bloß um sich zu erinnern, was man an rheinisch harscher Herzlichkeit gerne vergessen hatte. Im take away Shop des renommierten Taschen Verlages dagegen erhält der potentielle Kaufakt lächelnde Aufmunterung. Es gibt sowohl ein altes als auch ein neues Galerienviertel. Die bekannten Galerien Schweins, Nagel oder Capitain schenken sich nichts und zeigen ein starkes, internationales Programm. Ein großer, schwarz gekleideter Mann verläßt das Museum und spricht gut gelaunt in sein Mobiltelefon. Kaspar König ist zufrieden mit seiner neuen Ausstellung. Auch die Videolounge, von kühnen Kölner Designern im futuristischen Stil der 50er Jahre entworfen, hat weithin Aufsehen erregt und wird mit Arbeiten von Erwin Wurm bespielt.

Der Tag neigt sich, die Straßen leeren sich, bei A-Musik muß man auch nicht wirklich finden, was man nicht wirklich sucht. Man kann sich für später zu einer Lesung verabreden, die im türkischen Viertel in einem Projektraum stattfinden wird, mit dem eine Kunststudentin Diplom macht. Der Name des Raumes bezieht sich auf Berlin, das man schon mehrmals besucht hat, und man kann, was das betrifft, auch mit dem Namen Maschenmode durchaus etwas anfangen. Oder möchte man vorher ein Wiener Schnitzel mit Kürbiskernöl essen? Später begegnen einem aufrechte, aber sprachlose alte Kölner Künstler, über ihr Kölsch gebeugt. Sie können nicht mehr viel erzählen, das haben sie sich sozusagen erarbeitet.

Köln ist eine Stadt, aus der die Kunst ausgezogen ist. Das macht auch nichts. Alles ist verteilt worden, zum gegebenen Zeitpunkt. Melancholie ist die Sache der Kölner nicht. Man beschließt, zum Motel Hanoi zurückzukehren und feiert mit seinen Freundinnen in den Vorräumen des Bunkers noch eine letzte wilde Drogenparty, unbemerkt.

Am nächsten Tag geht man zum Bahnhof und nimmt den ICE. Völlig leer sitzt man im Speisewagen.

The motelhanoi is situated in the heart of the lively Colgne quarter Ehrenfeld - within walking distance of either city center or pittoresque areas such as the belgian quarter. The family owned motelhanoi invites the artworld's jetsam for a special night in. The unique expierence starts with Room One, a suggestion by young sculptor Joerg Wagner, enveloping the guest in the futuristic cosiness of styrfoam.

Please arrive at the west entrance at Wahlenstrasse 25 at 8 p.m. The reception ends at 11 p.m.

Starship Nummer 5, Seite 95


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