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Bedrohte Männlichkeit?

Simon Möller

Vom Feuilleton bis zu den Bestsellerlisten: Die Ortung "bedrohter Männlichkeit" garantiert seit einiger Zeit für Aufmerksamkeit in den Printmedien und sorgt für ein gutes Geschäft bei den Sachbuchverlagen. Die Lage scheint scheint derart ernst zu sein, dass selbst aus der Mottenkiste der Geschlechterstereotypien argu-mentierende publizistische Amokläufe als druckbar gelten. Getragen wird diese Welle von dem pseudo-subversiven Gestus, jetzt endlich einmal die "unzensierte Wahrheit" sagen zu wollen: über die Frauen, (Martin van Creveld, "Das bevorzugte Geschlecht", 2003) und vermeintliche Herrscherinnen über die Bewusstseinsindustrie (Frank Schirrmacher, "Männerdämmerung", 2003).

Die stabile Konjunktur solcher Bedrohungs-Phantasien sagt viel über den Stand des vorherrschenden Geschlechterdiskurses aus - und sie hat einiges mit dem Schlagwort political correctness zu tun: A distinct strengthening of traditional gender stereotypes can be seen in German print media in the last ten years, along with a growingly aggressive antifeminism.

Denn Zeiten verschärfter Verteilungskämpfe um Arbeitsplätze und Sozialetats sind ein traditionell guter Nährboden für konservative Geschlechterbilder. Entscheidend beigetragen zu dieser Renaissance schon überwunden geglaubter Geschlechterstereotypien in den Feuilletons und Magazinen hat die Übernahme der US-amerikanischen Diskussionen über political correctness und sexual correctness in den Diskurs der hiesigen Printmedien. Zwar haben die amerikanischen political-correctness- und sexual-correctness-Themen keine genaue Entsprechung im deutschen Kontext, doch wurden seit den 90er Jahren hüben wie drüben ähnliche Inhalte und Formen antisexistischer Politik als "politisch korrekter Nonsens" lächerlich gemacht - oder aber zur Gefahr stilisiert. Zu letzterem Phänomen gehört vor allem die Behauptung eines mächtigen, institutionalisierten und zensorisch agierenden "pc-Feminismus". Gegen dieses Feindbild wird dann aus vorgeblich unterlegener Position eine Art Verteidigungsdiskurs geführt: für die Meinungsfreiheit, die sexuelle Freiheit, die Freiheit der Wissenschaften oder der Kunst. During the 1990s a new spectacular frame of discourse was secured for the sexist position, one which made it immune to criticism.

Denn tatsächlich ist die angebliche Hegemonie des "politisch korrekten" Feminismus nichts anderes als eine politisch funktionale Medienkonstruktion, bei der sich neoliberale Wirtschafts- und neokonservative Geschlechterideologie die Hände reichen. Das zeigt sich insbesondere daran, dass die medialen Angriffe auf die "politisch korrekten" Feministinnen gerade bei denjenigen Themen besonders vehement ausfallen, die die Stellung von Frauen und Männern in der Erwerbssphäre beziehungsweise eine dort intervenierende Sozialpolitik betreffen. Denn unter den Bedingungen des derzeit vorherrschenden "Finanzierbarkeits"-Diskurses und der nicht mehr zu übersehenden Erosion der männlichen "Normalerwerbsbiografie" sind Forderungen nach sozialer Verteilungsgerechtigkeit oder nach Chancengleichheit für Frauen erneut unter starken Legitimationsdruck geraten - nicht zuletzt in den meinungsbildenden Printmedien. Die Besonderheit dieser Medientendenz: Men were presented as the supposedly disadvantaged social group, whose injury it would not be "pc" to discuss - angefangen bei Fragen von Kinderbetreuung und Sorgerecht bis hin zur Debatte über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz und vielen anderen Themen. Die weite Verbreitung dieses Interpretationsmusters von den männlichen Opfern einer angeblichen feministischen Meinungshegemonie zeigt etwa Katja Thimms Beitrag im "Spiegel" ("Angeknackste Helden", 2004), der das Aufholen von Mädchen bei Bildung und Ausbildung negativ als "Jungenkatastrophe" thematisiert: "Kommen nach Jahren der Mädchenförderung [Š] nun die Jungen zu kurz? Wer diese Frage stelle, der rüttle an einer 'gesellschaftlichen Vereinbarung', erklärt die Leipziger Soziologin Heike Diefenbach. Als politisch korrekt gelte es nun einmal, die Mädchen im Nachteil zu sehen."

Nach diesem Muster bedienen sich Autorinnen und Autoren jeder politischen Couleur heute regelmäßig der "Verteidigungs"-Strategie gegen die vermeintliche, "politisch korrekte" Unterdrückung der Männer durch "feministische Zensorinnen", "Sauberfrauen" und "Tugendwächterinnen" - beim Thema Sozialpolitik ebenso wie beim Thema sexuelle Belästigung, in den Printmedien ebenso wie in auflagenstarken Sachbüchern: Hier reicht die Reihe etwa von Matthias Matusseks "Die vaterlose Gesellschaft" (1998) bis zu dem 2003 erschienenen Buch "Das bevorzugte Geschlecht" (Gerling Akademieverlag) von Martin van Creveld. Die Einlassungen des Militärhistorikers in der "Welt" mit dem Titel "Das arme starke Geschlecht: Schon von Geburt an diskriminiert" (2003) könnten exemplarisch für dieses Phänomen stehen: According to Martin von Creveld, men are currently living through the deconstruction of their social standing in nearly every aspect of modern life. Schwer arbeitend trügen sie "der Frauen Last" während diese sich von ihnen versorgen ließen und es ohnehin "stets leichter" hatten, "in den Genuss von Sozialleistungen zu kommen." Und bei sexueller Belästigung werde gleich die gesamte Vergangenheit eines Mannes durchleuchtet, ohne dass der Frage nachgegangen werde, "ob sie eine Schlampe ist oder ihn provoziert hat". Creveld bedauert, dass der "Einfluss des modernen Feminismus so überwältigend [sei], dass sich nur wenige Menschen beiderlei Geschlechts der wahren Tatsachen bewusst sind".

The antagonistic caricature of "politically correct" feminism, together with its alleged media hegemony, currently allows authors from all sides of the political spectrum to reject female claims for emancipation without requiring further explanation. Ein kleiner Rückblick zeigt die Entwicklung dieses Musters: Zuerst scheint der Ausdruck "political correctness" im deutschen Feuilleton aufgetaucht zu sein, von wo aus er später auch in die Politik-Rubrik gelangte. Die entsprechenden amerikanischen Debatten wurden hierzulande 1991 erstmalig aufgegriffen. Ausgangspunkt waren Berichte über den Vorwurf der sexuellen Belästigung gegen den designierten US-Verfassungsrichter Clarence Thomas. Weitere auch von deutschen Journalisten unter der Überschrift "pc-Terror" verhandelte Themen waren die Revision der Lehrinhalte an US-Hochschulen oder Verhaltenskodizes zur Verhinderung von Vergewaltigungen. Prominentestes Beispiel hierfür ist das Antioch College in Ohio: Dessen Verhaltenskodex für die etwa 650 Studierenden beschrieben die Medien wie das Ende der Freiheit in der westlichen Welt. Hierbei, wie bei den meisten anderen Beispielen, die den "feministischen Tugendterror" belegen sollten, gingen selbst die renommiertesten deutschen Blätter mit den Fakten oft mehr als locker um.

Many of the often quoted examples of this alleged "pc"-feminist encroachment are of completely fictional origin: taken from books or theater plays, for example Michael Crichton's "Disclosure" David Mamet's "Oleanna" and Dietrich Schwanitz' "The Campus" and the film versions respectively thereof. Oder aber die Journalistinnen und Journalisten bedienten sich gleich aus satirischen Wörterbüchern über political correctness. Die Grenze zwischen Fiktion und Fakten übergingen sie dabei jedoch großzügig. Gerade diese "Beispiele" sind es aber, die den sexual-correctness-Diskurs über den Wiedererkennungseffekt beim Publikum zusammenhalten. So wurde in einer Fülle von Artikeln ein dichtes Netz aus Argumenten und Symbolen, aus immer wiederkehrenden Bezügen und sprachlichen Inszenierungen gewoben, das zum Koordinatensystem einer themenspezifischen Deutungskompetenz über "pc-Feminismus" sowohl auf Seiten der Autoren und Autorinnen als auch beim Lesepublikum wurde.

Sexual harassment and violence are discussed exclusively as moral breaks in behavior, applied both to the victim and the perpetrator. Auch Gegenmaßnahmen oder Kritik werden als moralisch motiviert dargestellt und sprachlich zum Beispiel mit Sittlichkeitskampagnen aus viktorianischen Zeiten zusammengespannt. Oder sie werden als gegen die von Frauen erst mühsam erkämpfte sexuelle Freiheit gerichtet dargestellt: so geschehen zum Beispiel mit dem "Beschäftigtenschutzgesetz gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz" von 1994. Das Gesetz wurde vielfach als "Arbeitsbeschaffungsmaßnahme" von und für paternalistische "Berufsfeministinnen" sowie von "Pseudo-Opfern" dargestellt, die versuchten, sich ihre "Übermacht" nun auch noch rechtlich festschreiben zu lassen. Sexistische Verhaltensweisen hingegen wurden und werden regelmäßig erotisiert: Sexual harassment becomes "Erotics in the Office," sexualized violence is construed as sex - und in Schutz genommen vor einer "feministischen Regelungswut", die angeblich bis ins Schlafzimmer reiche. Auf diese Weise gelang sexistischen Positionen die spektakuläre Inszenierung als scheinbar subversiver Kampf gegen die Einschränkung von Sexualität und Meinungsfreiheit durch einen vorgeblich hegemonialen Feminismus.

Die nachhaltige Wirkung, die der angebliche "pc-Feminismus" als Feindbild-Konstruktion entfalten konnte, beruht also ganz wesentlich darauf, dass die Printmedien das Objekt ihrer Kritik selbst überhaupt erst hergestellt haben. Denn so paradox dies auf den ersten Blick erscheinen mag: Gerade durch die mediale Suggestion der vermeintlichen Dominanz der minoritären feministischen Positionen werden diese (faktischen) Minderheitenmeinungen effektiv zum Verstummen gebracht. Gleichzeitig immunisiert sich der mediale Sexismus durch seine "subversive" Geste präventiv sehr erfolgreich gegen Kritik.

Darin zeigt sich auch, dass der unter dem Banner des "Kampfes gegen sexual correctness" modernisierte mediale Antifeminismus keineswegs der Defensivdiskurs einer liberalen Gesellschaft gegen einen "radikalfeministischen Apparat" ist. Sondern ein sich lediglich als minoritärer Defensivdiskurs gebender, hegemonialer Offensivdiskurs, der sexistische Gesellschaftsstrukturen und individuelle Praktiken als schützenswert und Maßnahmen zu ihrer Eindämmung als Verletzung von Persönlichkeitsrechten erscheinen lässt. Feminism is removed from women as a viable political standpoint or opportunity for emancipation. Zugleich werden die tatsächlich Frauen hemmenden und objektifizierenden Strukturen normalisiert beziehungsweise als Formen sexueller Freiheit interpretiert. Erschwerend hinzu kommt, dass sich anti-sexistische Positionen der allgemeinen Fremdapostrophierung als "politisch korrekt" heute nicht mehr entziehen können. Die diskursive Verschiebung politischer feministischer Problemstellungen auf die Ebene der Sexualität und der Moral bedeutet aber die totale Veränderung des Problemhorizonts, innerhalb dessen über sie diskutiert werden kann. Feministischer Politik wird unter diesen Umständen nicht nur das diskursive Terrain, auf dem die Auseinandersetzung stattzufinden hat, vorgeschrieben. Auch die Wahl der begrifflichen Mittel wird erheblich erschwert.

The successful stigmatization of the term Feminism through its connection to the political correctness does more than just stop the solidarity of women with feminist concerns. Sie zwingt auch die Verfechterinnen antisexistischer Positionen zu umständlichen Abgrenzungen gegenüber der Zuschreibung, einfach bloß "politisch korrekt" zu sein: Wird Sexismus - zumal in den Medien - heute überhaupt einmal kritisch thematisiert, beginnen deshalb viele Argumente fast schon obligatorisch mit dem Satz: "Ich bin ja keine Feministin, aber Š" Und solange das so bleibt, muss wohl leider niemand die "Übernahme der Bewußtseinsindustrie" durch die Frauen fürchten.
Starship Nummer 7, Seiten 103ff


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