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Is this a dagger, which I see before me?

Vera Tollmann, Stephanie Wurster

Feministische Selbstbestimmung, die zur Kritik an existierenden patriarchalen Verhältnissen wird, stößt schnell auf das Unverständnis und die Distanzierung der anderen. Die frühe Feministin Hedwig Dohm (Großmutter von Katja Mann, Urgroßmutter von Golo, die beide ihr kritisches Engagement nicht anerkannten) hat schon 1874 ein Buch mit dem Titel "Emanzipation" veröffentlicht. Nebst einer lustigen Typisierung der "Antifeministen" findet man darin auch eine Aufforderung an die Frauen, das Lächerlichsein zu proben ­ auf dem Weg zu einer emanzipierten Gesellschaft:

Vorläufig aber möchte ich bemerken, dass verschiedenen Menschen sehr verschiedene Dinge lächerlich erscheinen. Lächerlich werden der großen Menge immer erscheinen alle Dinge, die den hergebrachten Sitten und der Tradition widersprechen.

Ideen werden vererbt und patentiert, aber selten die von Frauen. Die Medienwissenschaftlerin Sadie Plant ging solchen Auslassungen nach und schreibt in "nullen + einsen" zum richtigen Zeitpunkt, Mitte der 90er Jahre, als die Zukunft in die Hände der neuen Technologien gelegt wurde, die Geschichte der Entwicklung des Computers aus einer feministischen Perspektive.

"Damals", erinnert sich einer der Bletchley-Arbeiter, "gab es eine enge Zusammenarbeit zwischen Mann, Frau und Maschine, eine Zusammenarbeit, die schon für die nächste Dekade der Großrechner nicht mehr typisch war". Aber sogar unter den Kryptoanalytikern herrschte wenig Gleichheit bei der Arbeit. Joan Murray entwickelte eine neue Methode, um die deutschen Codes zu entschlüsseln. Ihre Ergebnisse "beschleunigten die Routinelösungen", schrieb sie, "aber mein Name wurde nicht daruntergesetzt".

Im Katalog zur Gerry-Schum-Retrospektive 2003/04 in der Düsseldorfer Kunsthalle begründet Ursula Wevers, Ex-Lebensgefährtin und Archivarin von GS, warum sie als damals Beteiligte nicht in den Videoarbeiten erwähnt wird: GS sei der Meinung gewesen, zwei Namen im Abspann hätten "doof" ausgesehen. Solche Geschichten gibt es viele: Brigid Berlin, der Andy Warhol ihre Erfindungen der mitgetapeten Telefoninterviews und mehrfach belichteten Polaroids klaute. In dem schönen Dokumentarfilm "Pie in the Sky" (Gianni Rodari, 2001) erzählt BB davon, wie AW sie mehr oder weniger direkt daran hindert, ihre eigenen Erfindungen zu benutzen, um den "Warhol-Superstar-Status" zu einem autonomen Künstlerinnen-Status auszubauen. Oder Jörg Immendorf, der für die "Lidl"-Gruppe, gemeinsam mit seiner Freundin Chris Reinecke entstanden, als einziger den Ruhm einfuhr. CR wurde erst vor wenigen Jahren wieder entdeckt.

Marielouise Janssen-Jurreit hat in ihrem Buch "Sexismus" 1976 festgehalten, wie sich diese Auslassungen, das Nicht-Nennen beteiligter Frauen in allen möglichen Bereichen auswirkt und was das eigentlich für ein Teufelskreis ist, in dem wir uns da bewegen.

Es bedeutet nur, dass die Perspektive und der Inhalt der Geschichte von Männern definiert werden, es bedeutet auch, dass Frauen ihre eigenen Mythen, ihre eigene Geschichte nicht dagegensetzen können, denn sie haben keine Institutionen, keine Zeremonien, in denen sie ihre Geschichte tradieren können. Der dadurch erzielte Effekt ist ein ständiges Defizit weiblicher Vorbilder. Die Unterschlagung von Frauenbewegungen in der Geschichte vereinzelt jede Frau, da sie sich geschichtlich an nichts orientieren kann, was ihre persönlichen Erfahrungen in eine Kontinuität mit der Vergangenheit bringen würde.

Die Künstlerin Judy Chicago thematisiert das Fehlen dieser Zusammenhänge zeitgleich in ihrer Arbeit, "Dinner Party" (1974-79), in der sie 39 Frauen (von dem Beginn der Zivilisation an) Platzteller an einer opulenten Festtafel einrichtet. 999 weitere Frauen finden sich auf dem gekachelten Boden ­ ein gigantisches, so davor nicht zusammengestelltes Netzwerk von Frauen, das für feministische Geschichtsschreibung steht. Ähnlich operiert die britische Dramatikerin Caryl Churchill in dem Stück "Top Girls" von 1982. Ein aktuelles Beispiel für den künstlerischen Umgang mit Sexismen ist eine Arbeit der bosnischen Künstlerin Selja Kameric: Sie kopiert das Grafitti eines niederländischen UN-Soldaten über ein Foto von ihr selbst. In Koppelung mit dem Bild von SK wird der vulgäre Text "NO TEETH...? A MUSTACHE...? SMEL LIKE SHIT...? BOSNIAN GIRL !", der ein sexistisches Stereotyp erfindet, direkt gebrochen.

Unsere Überlegungen zum Thema Sexismus wurden im Sommer 2003 angestoßen, durch einen Aufmacher im Kulturteil einer der großen Tageszeitungen Deutschlands, geschrieben vom Ressortchef himself:

In komplizierten, zuweilen von höfischen Intrigen begleiteten Strategien haben Frauen mehr oder minder deutlich die Zuständigkeit für gewaltige Komplexe der Bewusstseinsindustrie übernommen. [...] Insgesamt sind damit fast achtzig Prozent der Bewusstseinsindustrie in weiblicher Hand. Eine Telefonistin, ein Kindermädchen, eine Schauspielerin und Schriftstellerin und eine Stewardeß definieren das Land.

Ein Freund, der mal bei dieser Zeitung arbeitete, erzählte, dass Frank Schirrmacher öfters tagelang mit einer bestimmten Idee schwanger geht, mit einem Zusammenhang, den er glaubt zu erspähen. Der muss dann erstmal formuliert werden. Die Behauptung, dass erfolgreiche Medienfrauen, und dann noch die bekanntesten Namen, ein Symptom der Rezession seien, kam uns seltsam vor. Wieso konnte so ein regressiver Unsinn plötzlich öffentlich geäußert werden? Wo kam das her? Der Tenor der Reaktionen war ironisch bis polemisch. Die Autorinnen drehten das Ironie-Prinzip neoliberaler Politiker um. Ina Hartwig etwa sprach in der Frankfurter Rundschau von der "BRD im Retrofieber". Die TV-Kritikerin Barbara Sichtermann schrieb dagegen, vage euphorisiert und als Kritik eher nutzlos:

Die Verfügung über mediale Mittel trägt von der Sache her keinen geschlechtsspezifischen Index. Es ist dem Job ganz einfach egal, welches Geschlecht ihn macht.

BS behauptet also: Auf das Y- oder das doppelte X-Chromosom kommt es nicht an. Diese Kämpfe sind gekämpft. Dachten wir. Für eine ordentlich funktionierende und in die Zukunft weisende Emanzipation scheint es aber diese Jahre keinen Nährboden zu geben. Anders als in den 70er Jahren. Da kämpfte die Frauenbewegung, parallel oder auch gemeinsam mit der (schwul-)lesbischen Bewegung um Emanzipation, Gleichberechtigung, politische Mitbestimmung und gesellschaftliche Anerkennung. Simone de Beauvoir, die das tolle, aber schwer lesbare Standardwerk "Le Deuxième Sexe" verfasst hat (1949), brachte Coolness in die Frauenfrage, als sie in einem Interview mit der Zeitschrift "Society" 1976 erzählte:

Der größte Teil der objektiven Ausbeutung ist eine Frage von Gewohnheiten. Wenn Sie Ihre Gewohnheiten ändern wollen, dann eignen Sie sich wie "natürlich" gerade entgegengesetzte Gewohnheiten an ­ das ist schon ein großer Schritt. Wenn Sie das Geschirr spülen, das Haus putzen und dabei nicht das Gefühl haben, weniger "Mann" zu sein, dann helfen Sie mit, neue Gewohnheiten einzuführen. Es reicht schon, wenn nur zwei aufeinanderfolgende Generationen meinen, auf keinen Fall rassistisch wirken zu dürfen ­ die dritte Generation wird wirklich nicht mehr rassistisch aufwachsen. Also, spielen Sie das "Ich-bin-kein-Sexist"-Spiel nur weiter. Und verstehen Sie es ruhig als Spiel. Solange Sie es für sich behalten, können Sie sich ruhig vorstellen, Sie seien Frauen überlegen. Aber solange Sie das Spiel überzeugend spielen, schaffen Sie Präzedenzfälle ­ besonders solche Männer wie Sie, die ein wenig zu "Machogehabe" neigen.

SdB war nie der Meinung, dass sie gegen eine geschlechtsspezifische Benachteiligung kämpfen musste oder sollte, weder bei sich noch bei anderen Frauen. Trotzdem war sie ein Idol in den frauenbewegten 70er Jahren. Ihr Feminismus, der einer 1908 geborenen "Tochter aus gutem Hause", wie ihr zweites autobiographisches Buch heißt, konnte in ihrem Umfeld auf praktisch nichts aufbauen. Frauen waren Rivalinnen, Männer Gefährten. Ein weibliche Karriere als Schriftstellerin war über den Umweg möglich, als Lehrerin den Unterhalt zu verdienen. Von den Frauengruppen der 70er Jahre konnte sie gerade noch profitieren:

... hier in Frankreich gibt es viele Gruppen, Selbsterfahrungsgruppen, die deshalb Männer ausschließen, weil sie ihre Identität als Frauen wieder entdecken, sich selbst als Frauen verstehen lernen wollen. [...] Ihre Kommunikation hat eine Tiefe erreicht, die für mich mit 25 Jahren niemals möglich gewesen wäre. Selbst mit meinen engsten Freundinnen wurden damals wirklich weibliche Probleme nie angesprochen. Dank dieser Selbsterfahrungsgruppen und ihrer Auseinandersetzung mit rein weiblichen Problemen konnten jetzt zum ersten Mal echte Freundschaften unter Frauen entstehen. Ich meine, früher, in meiner Jugend, und bis vor kurzem, konnte sich zwischen Frauen nie eine wirkliche Freundschaft entwickeln. Sie sahen sich als Rivalinnen, ja sogar als Feinde oder zumindest als Konkurrentinnen.

Anja Meulenbeult, die in Holland die linken "Femsoc-Gruppen" mit aufbaute, erzählt in ihrem Erfahrungsbuch "Die Scham ist vorbei" (1976), auch davon, wie Frauenrechtlerinnen zunehmend negativ konnotiert wurden ­ ein Bruch in der öffentlichen Wahrnehmung, der sich bis heute fortsetzt. Die Lesben, erzählt AM, stellten ihr Anliegen lange über das "eigentliche Thema", die Frauensache. Uneinigkeiten zwischen "Hetero-Feministen" und der Lesben-Fraktion mussten erstmal ausgefochten werden, und das ging an die Substanz:

Es liegt nicht nur an mir, es kommt nicht nur, weil ich nicht diplomatisch genug bin, dass sich der ganze Kram um mich herum polarisiert in Pro und Kontra, wohin ich auch komme. Ich sehe es bei den anderen Frauen, die immer offen ihren Standpunkt vertreten. Als Frau wirst du schon mißtrauisch beäugt, wenn du dich nicht stereotyp verhältst.

Heute aber ist das "21. Jahrhundert". Kraftwerk sangen 1999 "The 21st century / Das 21te Jahrhundert [...] Man, Nature, Technology / Mensch, Natur, Technik / Planet of visions / Komm mit mir, Visionen". Zwar auf Technik gemünzt, aber auch allgemein volksverständlich freudig: Ob sich bald alles von selbst regeln würde?

Der Sexismus, den wir in Äußerungen und Komplexen des Everyday Life orten, nennen wir hier "Y". Die emanzipativen Strukturen, die dagegen arbeiten könnten, werden zunehmend marginalisiert. Schon umgangssprachlich: Zu New-Economy-Zeiten und auch noch ein paar Jahre danach war die gute Sache meistens "sexy", und wenn nicht, dann fehlte es ihr an "Sexyness". Darum geht es auch dem Autor Joachim Lottmann, der 1998 in der "Zeit" Alexa Hennig von Lange aus der koketten Sicht des "älteren Herren" porträtiert:

Würde ein junger Raver mit Casecap und Kapuze weniger korrumpiert werden durch die Überdosis Sex, der ihm auf jeder Zeile des Debütromans "Relax" [...] ins Gehirn gejagt wird? Hier hat nämlich nicht der alte Nabokov einen Roman über eine frühreife Verführerin geschrieben, sondern: Lolita hat ihn gleich selbst geschrieben. [...] Alexa ist 24, sieht aus wie 19 und schreibt über Teenies, die gewiß noch jünger sind. Sie erhebt sich, geht zwei Schritte. Sie ist so schlank, muss nur die Hüfte lässig ausstellen ­ aber egal. Zurück zum Thema!

Chercher la femme! JL betont seinen sexistischen Blick, indem er auch kurz mal zu BILD-typischem Slang wechselt. Ein Jahr davor hatte Rainald Goetz im "SZ-Magazin" den ersten literarischen Love Parade-Text , "Hard Times, Big Fun", veröffentlicht und spielte Denken (Linke) und Fühlen (Raver, Partypeople, RG selber) gegeneinander aus.

"Wo bleibt der Witz? Wie seid ihr denn drauf? [...] Umhüllt von Gegenwart ..."

Im "TzK"-Gespräch wenig später wurde der sein Text als Theorie-unterminierend und sexistisch kritisiert. Gegen das Hedonismus- und Gegenwarts-Argument konnte die Kritik der "TzK"-Autor/innen sich aber kaum durchsetzen. Gegenwart als Trumpf. Wie bei "Jetzt"; aber der "SZ"-Ableger wurde 2002 eingestellt, wie auch die gegenwartsorientierten "Berliner Seiten" und andere, ähnliche Versuche, den Zeitgeist ins Heute hinüberzuretten. Die neuen Zeitschriftenprojekte, die seit 2003 vor allem in Berlin gestartet wurden, alle von Twenty- und Thirtysomethings gemacht, versuchen, diese hedonistische Tradition, die Platz für regressive Phänomene wie Sexismus läßt, weitgehend ungebrochen fortzusetzen. In der Verlängerung funktionieren die Ironie- und Affirmationskonzepte allerdings nicht mehr so, wie sie in den späten 90er Jahren noch teilweise aufgingen: nämlich noch als Kanalisation eines naiven und kurzweiligen Behauptens einer möglichen Realität, die sich inzwischen mit dem Abgang der Naivität manifestiert und verfestigt hat.

In der Mainstream-Kunstzeitschrift "Monopol" darf der Sammler Harald Falckenberg im Frühjahr 2004 behaupten, dass Avantgardismus in der Kunst schon immer ein "männliches Unternehmen" gewesen sei. Weil Frauen, also Künstlerinnen, nicht "anfällig für die Lust am Scheitern" seien, bis heute. Unsinn. Aber publiziert. HF unterstützt seine These mit einem Retro-Vergleich: Die Geschlechterverhältnisse der avantgardistischen Strömungen sieht er schon in der Rollenverteilung der Steinzeit angelegt und daher einleuchtend.

Einen ähnlichen Sprung macht das "Stepford Wives"-Remake von 2004. Das Original von 1975 war in der Gegenwart angelegt. Sein Remake bedient sich auch des Klischees der perfekten Hausfrau, verlegt die Story aber in die prüden 50er Jahre. Aus dem eigentlich gesellschaftskritischen Film wird 2004 also eine "black comedy", losgelöst von konkreter und damit umsetzbarer Kritik. Vordergründig sind die Verhältnisse invertiert: Die Männer sind die Abhängigen und Naiven, die Frauen, die im Remake, anders als im Original, die Männer besiegen, ehemalige Top Managerinnen. Der Radikalität der Vorlage ist so der Schwung genommen und diese damit potentiell lächerlich gemacht. Die Lächerlichkeit, die hier entstehen kann, ist nicht konstruktiv und hat kein direktes Gegenüber. Und dient so, trotz der guten Vorlage aus den 70ern, einer weiteren Marginalisierung emanzipatorischer Forderungen und Aktionen ­ die mehr, selbstverständlicher, schöner, wachsamer, subversiver, klarer und einfach wesentlich fetter werden müssten, um die Sexismen von heute zu verhindern.
Starship Nummer 7, Seiten 11ff


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