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An die inneren und äusseren Ruinenlandschaften

Die Wand in der Ruine

Judith Hopf

Wenn ich das richtig beobachte, dann ist bestimmt eine der gesellschaftlich prominentesten, kulturell meistgeteilten und gleichzeitig am wenigsten gelösten Fragen die: Wie sieht man aus?! Das mag vielleicht auf den ersten Blick von geringer Bedeutung scheinen und leicht zu beantworten: unterschiedlich zu den anderen. Aber so lässt sich das offensichtlich nicht besprechen. Interessanterweise wird diese Frage in allen europäischen und nordamerikanischen Städten, in denen ich bislang Aufenthalt pflegte, in ungeheuerlicher Dringlichkeit verhandelt. Wie sehe ich also aus?

Ein kryptodämonisches Rätsel! Wie soll man das wissen? Den Spiegel kann man gleich vergessen, schließlich sieht man sich in ihm eben spiegelverkehrt. Ein gemeinsames Experiment der Künstlerin Annette Wehrmann und eines nahen Freundes ergab folgendes: Beide studierten das Spiegelbild des anderen und kamen zu dem Schluss: Es ergeben sich zwei völlig unterschiedliche Eindrücke des jeweils Anderen vor dem Spiegel und ohne den Spiegel. Sie sahen einfach anders aus als das jeweilige Spiegelbild.

Dazu kommen noch die unterschiedlichen Spiegeleffekte, verursacht durch die Beschaffenheit und Machart der unterschiedlichen Spiegel. Der Spiegel bei mir im Badezimmer ist meiner Ansicht nach sehr sorgsam hergestellt. Zwar kann es sein, dass die zeitaufwendigen Studien, die ich zur Klärung dieser Frage anzustellen bemüht bin, geprägt sein mögen von einem eigenen mentalen, psychosozialen und kritischen Vergleichssystem, über dessen Seriosität ich mir nicht ganz sicher bin, und das so möglicherweise Ursache für eine gewisse Verzerrung des eigenen Bildes sein mag. Trotzdem: Ich wage zu behaupten, dass die Einschätzung meines eigenen Bildes, gesehen in meinem Badezimmerspiegel, wenigstens im groben möglich ist.

Ganz im Gegenteil zu der ungünstigen Spiegelsorte, die sich in der physiotherapeutischen Institution befindet, in die, widrigen Umständen geschuldet, ich überwiesen wurde und in der ich sehr nachdrücklich zu Selbstbeobachtungen und anschließender Beurteilung dieser Darstellungen von mir in eben diesem Spiegel aufgefordert wurde. Das Spiegelbild zeigte sich derart unterschiedlich zu dem Spiegelbild im Badezimmerspiegel, welches ich ja aber doch so genau studiere, dass ich davon ausgehen musste, dass der Spiegel in dieser Praxis fehlerhaft sein muss und Zerrbilder oder Verformungen erzeugt. Dementsprechend habe ich mich hinsichtlich einer Beurteilung meiner selbst außerstande gefühlt ­ leider schien das aber nur mir aufzufallen, denn hätten sich die Beschwerden Dritter gehäuft, und wäre der Spiegel möglicherweise durch einen qualitativ hochwertigeren und der Sache dienlicheren ersetzt worden. Verständlicherweise konnte unter diesen Bedingungen unsere "gemeinsame Arbeit" nur sehr schleppend vorangehen. Schließlich musste ich aufgeben, sowohl Institution als auch die Vorgehensweise ändern. Mit der Selbstbeobachtung kam ich so nicht weiter, das Risiko eines erneuten Scheiterns schien zu groß, die Angelegenheit an sich zu dringend ­ da, wo ich jetzt bin, sind gar keine Spiegel und alles geht etwas zügiger vonstatten.

Es muss also damit gerechnet werden, dass sich die Frage "Wie sehe ich aus?" nicht mit Sicherheit beantworten lassen wird. All die täglichen freiwilligen und unfreiwilligen Videoaufzeichnungen, Handyphotografien und andere digitale Bildproduktionen, die im Stadtraum von einem hergestellt werden ­ sie werden die Frage nicht klären. Auch großes künstlerisches Engagement zum Beispiel, wie mitgeteilt durch die Videokunstwerke und Rauminstallationen des Künstlers Dan Graham, oder überhaupt die zahlreichen Performances, die in diesem und im letzten Jahrhundert in der Sphäre der Kunst mittels der ausgefeilten Werkzeuge einer feministischen und politischen Forschung stetig bemüht waren und immer noch sind, diese Frage Aufmerksamkeit zu schenken ­ sie können offenbar nur ein schwaches Licht in das Dunkel werfen, in das wir durch sie gestoßen werden. Natürlich lassen sich diese angesprochenen Kunstwerke nicht auf die Fragestellung reduzieren. Dennoch glaube ich, dass das eigene und andere Aussehen sowie das Thema des Erkennens von Aussehen Teil der Motivation sein mag für die künstlerischen Produktionen.

Fest steht, dass die Aussehens-Frage imstande ist, die Gesellschaft nachhaltig zu bewegen, dass sie Anlass bietet zu Konflikten und darüber hinaus große wirtschaftliche Erfolge und Interessen in Gang setzt. Glaubt man der Modepresse, kann sie sogar als gemeinsames Band fungieren.

Die Sorge, die sich durch diese Frage ergibt, lässt sich demnach gut verstehen! Rücksprache ist gefragt. Wenn es die Spiegel alleine nicht bringen, dann müssen Beratungen untereinander stattfinden können, Bilder, andere Texte erzeugt und eine Richtung zur Klärung der Debatte eingeschlagen werden.

Unter anderem deswegen habe ich mich immer schon für die allgegenwärtigen Werbetafeln interessiert, die aus der Warte unserer Fragestellung betrachtet zwei Interessen zu verknüpfen in der Lage sind: Erstens schlagen sie Körperbeispiele zum Zurückchecken, wie man aussieht, vor. Zweitens knüpfen sie die bereits erwähnten wirtschaftlichen Interessen und Erfolge an die Ausgangsfrage. Was mich allerdings während diesen Studien nachhaltig irritiert und beeindruckt, ist die offenkundige Vehemenz, ausgehend von der Werbebranche (die ja gerne auch Kommunikationsdesign genannt wird, von wegen Rücksprache), das Ding und die Vorstellungen davon, wie man aussieht, geradezu zwanghaft direkt an sexistische Logiken zu knüpfen. Falls ich richtig studiere, dann ist Sexismus zu mindestens 70 Prozent hier sozusagen "Natur" (die anderen 30 sind seit neuestem: "Mitleid erzeugen", und schon immer: "die Dinge an sich, die es zu verkaufen gilt").

Sexistische Logiken finden für mich darin ihren Ausdruck, dass sie Subjektvorstellungen und deren Entwürfe gleichsetzen mit Körpersprachen und -teilen, die dann derart reduziert werden, dass eben diese Körpersprache und Ausdrucksformen von den Subjekten entkoppelt werden und zur stetigen Verfügung sexueller Vorstellungen, Wünsche und Begehren einer bestimmten Gruppe in der Gesellschaft dienen; will also heißen, deren Machtansprüche und -vorstellungen stärken sowie umgekehrt den abgebildeten oder angesprochenen Subjekten Macht abschreiben, weil sie eben derart grob auf Sexualität reduziert werden. So was kann man nur als gewalttätig bezeichnen.

Die Tatsache, dass Sexismus mit dem Gleichen oder Ähnlichen in Bezug auf Vorstellungskraft operiert und dementsprechend dem weiten Feld der "Doofheit" zugeneigt scheint, erklärt nicht seinen Erfolg, vielleicht aber seine Hartnäckigkeit (Doofheit hat sehr viele verschiedene Energien in sich gebunden, was bedeutet, dass sie ebenso wie beispielsweise Liebe oder Gewalt nicht zu verbieten geht, aber eben anwesend ist).

Als Spiegel sind die Dinger jedenfalls völlig unbrauchbar. Es ist eigentlich hoffnungslos, diese Körper als Natur vorzustellen und nachzuahmen, weil so schlichtweg einfach niemand aussieht. Trotzdem scheinen sie genau dahingehend gesellschaftlich benutzt zu werden, denn sie werden nachgeahmt, zum Beispiel durch Kleiderordnungen und Gesten, Gangarten, Sprüche, durch Aneignung der Dinge, die mit den Körpersprachen in Verbindung gebracht werden können, wie zum Beispiel mänlichkeitsverstärkende Symbole, und so weiter.

Falls man keine Zeit finden sollte, wegen den gegenwärtigen, gesellschaftlichen Umbrüchen ­ wie der Immaterialisierung der Arbeit und der Flexibilisierung der Subjekte ­ sich seine eigenen Vorstellungen von sich selbst, von Sexualität und dem ganzen Problem des Spiegelns zu machen, und deswegen eben Nachahmung und Kopien von Beispielen pflegt, dann erklärt sich dieser zwanghafte Sexismus auf den Bildern für mich immer noch nicht, weil: Das würde man ja auch ohne Sexismus machen können.

Zu einem bestimmten Zeitpunkt war ich geneigt, die These zu denken, dass die Bilder vielleicht deswegen so gut ankommen, weil sie melancholische Ideenwelten in sich tragen: das Wissen um das eigene Scheitern, an die Wünsche in Bezug auf die Körper und die Sexualität, die da vorgeschlagen werden, ranzukommen. Man kann das nicht haben, weil es das ja eben, so wie es da abgebildet wird, schlichtweg nicht gibt. Es sind "nur" Vorstellungen. Onanievorlagen sozusagen für Subjekte, die sich auf der Seite des phantasmatischen, gesellschaftlichen Konsens wieder finden wollen, folglich darauf angewiesen sind, sich gleiche Bilder zum Thema Körper, Schönheit und Sexualität vorstellen zu können, damit man die eigenen aufgegebenen oder nie erreichten Objektbeziehungen überwinden kann. Das mag dann wiederum konstitutiv sein für die Herausbildung einer spezifischen, durchaus machtvollen Subjektvorstellung. Die genussvolle Wiederholung und Selbstquälerei der autosexuellen Befriedigung zu Gunsten eines kollektiven Hinwegtröstens, um die eigenen Widersprüche, Faulheit oder Angst, sich mit Körpern und Sexualitäten auseinanderzusetzen, nicht konfrontieren zu müssen.

Dagegen steht die Befürchtung, dass es gar nicht um Spiegel-Ideen und Fragen in Bezug auf Identitätsbildung gehen mag, sondern schlichtweg um den Machterhalt patriarchaler Prinzipien. Sexistische Darstellungsweisen sind so eine Art Loop, weil sie Realitäten schaffen. Wer sprach mich doch neulich erst wieder etwas überheblich an, was ich denn immer hätte mit Sexismus... Die Werbebilder seien eben normal-schön, von viel geringerer kultureller Bedeutung, als ich sie beschreiben würde, und es sei anzunehmen, dass ich ein offensichtliches, individuelles Problem mit meinem Aussehen hätte, wenn die Bilder mich so bewegen oder zu ärgern in der Lage sind. Diese Annahme der Naturhaftigkeit unseres Blickes ist immer schon ernüchternd gewesen für mich. Schade eigentlich, dass diese Naturvorstellungen so unbeweglich sind, bemerke ich doch oft, wie die einfachen Veränderungen an Werbebildern, zum Beispiel das Schwarzausmalen eines Schneidezahnes in einem übergroßen, frohen Werbemund oder das Andichten eines gemalten oder gesprayten Oberlippenbarts in der Lage ist, das ganze Porträt in seiner Bedeutung massiv zu verändern ­ das ist doch interessant und amüsiert mich vorzüglich!

Ich habe noch eine Beobachtung gemacht in Paris, wo Hasi und Mausi mit einer weiblichen Körperdarstellung für Unterwäsche warb. Diese weibliche Körperdarstellung bildete einen den echten Körpern nahen Bauch ab, mit einer Falte drinnen, da wo es immer Falten geben muss, wenn man so rumsitzt. Irgendwie war das ungewöhnlich und versetzte mich in Aufregung, weil ich dachte, was passiert eigentlich, wenn sich jetzt die Werbung wirklich darauf versteifen würde, "echte" Körper abzubilden, wäre das nicht noch mehr Stress?! Als ich am nächsten Tag an der Werbung vorbeifuhr, war der Bauch auf dem Plakat von irgendjemanden weggerissen worden. Also ist es doch nur die Wiederholung der Bilder, die bleiben kann.
Starship Nummer 7, Seiten 125ff


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